Welttheater in Hamburg Zu viel Event, zu wenig Festival

Der Name ist der Auftrag: Das Festival «Theater der Welt» in Hamburg zeigt Theater, Tanz und Performances aus allen fünf Kontinenten. Das internationale Theater blüht – auch wenn das Gesamtprogramm hinter seinem Anspruch zurück bleibt.

Erleuchtete Skulptur vor der Kulisse des nächtlichen Hafens.

Bildlegende: Symbolträchtig: Der Welthafen Hamburg als Zentrum eines Festivals, das Gruppen aus allen fünf Kontinenten zeigt. theaterderwelt.de

  • Das Festival «Theater der Welt» zeigt seit 1981 alle zwei bis drei Jahre in einer anderen deutschen Stadt internationale Produktionen. Es verbindet das Lokale mit dem Globalen.
  • Eine klare Positionierung des Festivals ist schwieriger geworden, da die zunehmende Internationalisierung die Theaterlandschaft geöffnet und vielfältiger gemacht hat.
  • Dieses Jahr faszinieren vor allem kleinere, experimentelle Arbeiten. Sie ermöglichen einen neuen Blick auf die Welt und die Kunst.

Die katalanische Berserkergruppe La Fura dels Baus in der vor kurzem eröffneten Elbphilharmonie. Eine zeitgenössische Oper des neuen Multitalents aus China. 45 Produktionen aus allen fünf Kontinenten in 18 Tagen, 27 davon Welturaufführungen und europäischen oder deutsche Erstaufführungen. Die Versprechungen zum diesjährigen Festival «Theater der Welt» waren gross und vielversprechend.

Festivalhype und Gegenwartsanalyse

Nach den ersten beiden Festivalwochen sind sie einer gewissen Ernüchterung gewichen. Gerade einige der gross angekündigten Events haben sich in schalen Rauch aufgelöst.

Dabei ist der Anspruch von «Theater der Welt» seit seiner Gründung 1981, alle zwei bis drei Jahre in einer anderen deutschen Stadt mit den Mitteln des Theaters die Welt neu zu vermessen, das Lokale mit dem Globalen zu verbinden und durch internationale Produktionen ein Festivalfieber zu entfachen, das die ganze Stadt ergreift.

Der Kontext für ein internationales Festival dieser Grössenordnung hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert: Im Hamburger Kulturprogramm ist das Theaterfestival ein Event unter vielen – auch wenn es damit wirbt, das Grösste zu sein, das es je gab.

Die Globalisierung hat längst auch die Kultur erfasst, die zunehmende Internationalisierung hat die Theaterlandschaft geöffnet und vielfältiger gemacht. Eine klare Positionierung von «Theater der Welt» scheint dies schwieriger zu machen.

Der Hafen als Klammer

Food-Stände

Bildlegende: Der Hafen wird bespielt: Mit Tanz, Theater und Food-Ständen. theaterderwelt.de

Zum ersten Mal in der Geschichte von «Theater der Welt» gibt sich das renommierte Festival ein Motto: Der Hafen. Naheliegend für Hamburg. Als Metapher verstanden thematisiert dieser aber auch grosse, wichtige Themenbereiche wie Migration, Kapitalismuskritik und die Verbindung zwischen den Kontinenten.

Und der Hafen wird in Hamburg derzeit auch ganz konkret bespielt: Mitten auf einer der letzten Brachen im Hamburger Hafen, wo in den letzten Jahren mit der Hafen City eine in diesem Ausmass selten gesehene städtische Überbauung hochgezogen wurde, das Festivalzentrum aufgebaut. Aus Containern, Foodständen und Zelten wurde ein temporäres Festivaldorf errichtet, das auch mit Aktionen und Theaterproduktionen bespielt wird.

Die Hamburger Gruppe «geheimagentur» versucht in ihrer Performance «Ports» die Utopie eines offenen Hafens zu entwerfen, der nicht nur nach kapitalistischen Kategorien funktioniert. Und gleichzeitig darauf aufmerksam zu machen, dass mit der Baekenhoeft nach dem Festival vielleicht einer der letzten kulturellen Freiräume verschwindet.

Tänzer in einem Glashaus.

Bildlegende: Chunky Move tanzt im ehemaligen Afrikaterminal des Hafens. Von hier fuhren einst Schiffe zu den deutschen Kolonien. Jeff Busby

Neuer Blick auf die Geschichte

Die Baakenhoeft hiess früher Afrikaterminal, von hier aus sind die Schiffe nach Afrika zu den deutschen Kolonien gefahren. Im 9000 Quadratmeter grossen Kakaospeicher wurde bis vor wenigen Jahren Kakao und Kaffee gelagert, heute wird in der prächtigen Halle getanzt.

In einem Glashaus inmitten dieser beeindruckenden Halle wenden und winden sich die Körper der Tänzer und Tänzerinnen der australischen Compagnie Chunky Move. Über Kopfhörer bekommt das Publikum einen vibrierenden Soundteppich aufs Ohr, der sich mit dem Tanz zu einem Spektakel verbindet.

Es gibt viel zu entdecken am diesjährigen Festival «Theater der Welt». Künstler und Künstlerinnen aus der ganzen Welt zeigen ihre Perspektive auf den Zustand der Welt. Dabei sind es vor allem kleinere, experimenteller Arbeiten, die faszinieren und einen neuen Blick auf die Welt und die Kunst geben. Leider gehen sie zwischen den grossangelegten Events beinahe unter.

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