Wo der Hafenkran herkommt – und was er an der Limmat soll

Was macht ein rostiger Hafenkran in der Schweizer Finanzmetropole? Grosse Schiffe fahren keine mehr, der Fluss hat als Wasserweg längst ausgedient. Der Hafenkran soll Kunst sein, das Limmatquai zum Heimathafen machen, Zürich an die weite Welt anschliessen. Und das gegen grosse Widerstände.

Im Rostocker Hafen steht ein vierzig Meter hoher Kran, es ist nur ein kleiner unter vielen. Hier an der Ostsee hat es Platz. Man spürt die Weite des Meeres, die Schwere der Schiffe und die satten Farben der Leuchttürme. Ein solcher Kran der Marke Takraf verlud zu DDR-Zeiten bis zu sechs Tonnen Ladegut: von russischen LKWs über Erbsen bis zu ungarischen Zwiebeln. Heute steht er noch da, aber ist kaum noch in Betrieb. Er wartet darauf verschrottet zu werden. Ein solcher oder ähnlicher Kran taucht nun auch an einem ganz anderen Ort auf. Weit weg vom Meer, mitten in Zürich.

Die Idee

Was macht ein alter rostiger Hafenkran in der Schweizer Finanzmetropole? Das Limmatquai in Zürich ist die Flaniermeile der Stadt. In den letzten Jahren hat man einiges dafür getan, das Stadtzentrum aufzuwerten. Die Altstadt entlang des Flusses ist rausgeputzt, das Quai neu gestaltet. Richtige Schiffe fahren hier kaum noch, der Fluss hat als Wasserweg längst ausgedient. Wie bringt man einen Hauch von Meer, ein Gefühl der weiten Welt, den globalen Handel in diese malerische Umgebung zurück?

Die Idee mit dem Hafenkran kam Jan Morgenthaler in Genua am Hafen. Wieso nicht das Quai wieder zu dem machen, was es mal war: eine Anlegestelle für Schiffe. Aus dem schmalen Zürcher Fluss wieder die grosse weite Welt machen, mit einem Heimat-Hafen. Doch wie erhält eine Stadt mitten in Europa Anschluss ans Meer? Seit Morgentalers Idee sind fünf Schiffspoller am Ufer der Limmat aufgetaucht, so gross als ob Riesenkähne hier vorbeiziehen und anlegen würden. Und bald steht da ein Kran und erzählt davon, dass die globalen Handelsrouten auch Teil sind einer Finanzstadt wie Zürich. Doch das sehen nicht alle so.

Die Politik

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Schon von Beginn an war das Projekt umstritten. Wollten sich die Stadtoberen gleich neben dem Stadthaus ein Denkmal setzen? Für eine halbe Million Franken rostige Industrieteile hinstellen, das tönte nach Provokation. Stadtrat Martin Waser, der damalige Chef des Tiefbauamtes und der Initiator des Kunstprojektes, wusste, es würde heftige Reaktionen geben.

Die Opposition der Stadtregierung reagierte prompt. Mit Argumenten wie «Geldverschwendung», «Stadtverschandelung», «Grössenwahn» torpedierte die Schweizer Volkspartei das Unterfangen. Jahrelang wurde immer wieder das Geld für den Kran aus dem Budget gestrichen. Eine Volksinitiative sollte dem Kran das Genick brechen. Doch die kam zu spät. Roland Scheck von der Volkspartei wettert bis heute.

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Mit viel Überzeugungsarbeit und politischem Taktieren konnte man den Kran retten. Aber dann wurde der Kran teurer als budgetiert – das Ende des Kranes schien mit den Kosten zu kommen. Doch niemand rechnete mit dem persönlichen Engagement von Stadtrat Waser. Während einer Stadtratssitzung, bei der es um den Kran ging, reagierte Waser blitzschnell. Er bürgte mit seiner Frau für die fehlenden 80'000 Franken.

Die Nachbarn

Unterstützung für den Kran kam auch von unerwarteter Seite. Gleich hinter dem Kran liegt an sehr prominenter Lage der Sitz der «Gesellschaft der Schildner zum Schneggen». Ein exklusiver Club von einflussreichen Zürcher Familien, 600 Jahre alt. Der Präsident Florian von Meiss hielt die Idee mit dem Kran anfänglich für einen Unfug. Doch dann traf der Leuchtturm-Sammler von Meiss auf den Kran-Künstler Morgenthaler und eine Freundschaft begann. Seither unterstützt von Meiss das Projekt mit allen Mitteln, auch wenn nicht alle «Schildner» seiner Meinung sind. Auch der Pfarrer des naheliegenden Grossmünsters sieht nur Positives im Hafenkran, auch wenn der in Konkurrenz tritt mit seinen beiden Kirchtürmen. Der Hafenkran soll jetzt schon einen festen Platz in der Sonntagspredigt erhalten.

Der Aufbau

Es ist Donnerstag 1 Uhr. Die Fahrleitungen der Strassenbahn am Limmatquai werden abgeschaltet. Zu hoch ist die Gefahr für einen Stromschlag. Ein Sattelschlepper bringt in einer Nachtaktion den zwanzig Meter hohen Turm des Krans an die Limmat. Am Quai stehen schon die Riesenfüsse des Hafenkrans. In einer Präzisionsarbeit wird der 27 Tonnen schwere Turm ins Portal gestellt. Die Zürcher Gassen sind eng, es herrscht kaum Platz. Das Ungetüm nimmt Form an.

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