Ausstellung in Winterthur Ein kühler Blick, der mehr als cool ist

Eine unterschätzte Kunstrichtung: Das Museum Oskar Reinhart widmet den neusachlichen Künstlern aus der Schweiz die erste grosse Übersichtsschau seit 40 Jahren. Sehenswert.

Ausstellungsraum im Museum

Bildlegende: Die Einzelkämpfer der neusachlichen Schweizer schufen ein breites Spektrum an Gemälden. Museum Oskar Reinhart

Eine Frau im roten Badeanzug – da braucht es nicht allzu viel Phantasie, um sich ein attraktives Bild vorzustellen. Doch die «Frau mit Wasserball», die Arthur Riedel 1932 gemalt hat, entspricht kaum dem landläufigen Bild einer verlockenden Badenixe.

Gemälde einer Frau im Badeanzug, die einen Wasserball hält.

Bildlegende: Arthur Riedels «Frau mit Wasserball» zeigt keine erotische Badenixe. Sammlung Peter Suter/SIK-ISEA Zürich/P. Hitz

Wohl trägt sie einen rotes Badekleid. Doch ihre Haltung, ihr Blick, ihre ganze Ausstrahlung wirken nicht sommerlich-vergnügt oder gar erotisch, sondern statisch, still, in sich gekehrt.

Den bunten Wasserball hält sie so geziert in den Händen, als sei er ein Forschungsobjekt und nicht ein Spielzeug.

Die Sache mit der Frau

Nicht nur der Wasserball, auch die Frau im roten Badedress hat etwas von einem Forschungsgegenstand, über den sich der Künstler beugt, mit kühlem Blick und akkurat geführtem Pinsel.

Arthur Riedels kühle Nixe gehört zu den zentralen Werken der Ausstellung «Neu. Sachlich. Schweiz», die von Andrea Lutz und David Schmidhauser im Museum Oskar Reinhart in Winterthur eingerichtet wurde. Denn dieses Frauenbildnis zeigt besonders deutlich, was Neue Sachlichkeit in der Schweiz war. Und was nicht.

Ein Haufen Einzelkämpfer

In der deutschen Kunstgeschichte hat sich die Neue Sachlichkeit mit prominenten Vertretern wie George Grosz, Otto Dix oder Christian Schad einen festen Platz erobert. In der Schweiz wird sie deutlich weniger wahrgenommen.

Obwohl auch hier gleich nach dem Ersten Weltkrieg eine ganze Reihe begabter Künstler neusachlich zu malen begann. Darunter so bekannte Namen wie Niklaus Stoecklin, Eduard Gubler, Théophile Robert.

Doch die Maler und Grafiker der Neuen Sachlichkeit in der Schweiz arbeiteten weitgehend jeder für sich, sie waren kaum vernetzt. Und im Gegensatz zu den deutschen Neusachlichen, folgten sie einer eher klassischen Richtung dieser neuen Form figürlicher Malerei.

Gemälde eines Weidekätzchens in einem Glas Wasser auf einem Fensterbrett.

Bildlegende: Maler wie Fritz Paravicini setzten die neusachlichen Maler auf präzise Wirklichkeitswiedergabe. Sammlung Peter Suter/SIK-ISEA Zürich/P. Hitz

Malen, was ist

Sie setzten vor allem auf präzise Wirklichkeitswiedergabe. Sehr schön zeigen dies Stillleben wie die Laborsituation in «Die Neue Zeit» von Niklaus Stoecklin, Fritz Paravicinis «Weidenkätzchen am Fenster» und die wunderbar komponierten Blumenstücke von Wilhelm Schmid.

Diese Bilder zeugen von einer intensiven Auseinandersetzung mit den alten flämischen Meistern und einem grossen Interesse an der Malerei und ihren Techniken.

Neben Stillleben gehörten Selbstporträts zu einer besonders beliebten Gattung der Neuen Sachlichkeit.

Die Künstler, die sich an der Arbeit im Atelier und mit forschendem Blick darstellten, verwiesen mit diesen Bildern auf die schwierige Frage nach der Selbstverortung in unruhigen Zeiten.

Bettler und Bordelle

Politische Inhalte oder die Darstellung von Armut und Elend, wie man sie aus den Werken von Otto Dix und George Grosz kennt, waren bei den Schweizer Neusachlichen eher selten.

Eine Ausnahme ist Johannes Robert Schürch, dessen Tuschzeichnungen und Radierungen in drastischem, deutlich expressionistisch geprägtem Stil aus der Welt der Bettler und Bordelle erzählt.

Die umfangreiche und sehr sehenswerte Schau zeigt mit Positionen wie diesen, wie breit das Spektrum der Neuen Sachlichkeit in der Schweiz war.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 4.9.2017, 17:22 Uhr

Ausstellungshinweis

«Neu. Sachlich. Schweiz. Malerei der Neuen Sachlichkeit in der Schweiz». Museum Oskar Reinhart, Winterthur. Bis 14. Januar 2018.