Kunst und Fälschungen Nicht schlecht, aber leider nicht echt

Fälschungen gibt es in jedem Kunstmuseum – aber fast keiner spricht darüber. Die Museumsdirektorin Nina Zimmer tut es.

Frau steht vor Gemälde

Bildlegende: Echt oder nicht? Kunstfälscher erfinden ausgeklügelte Herkunftslügen und nutzen authentisches Material. Keystone

Ein Skandal versetzte jüngst den Kunstbetrieb in Aufruhr: Ende Juli deckte «Die Zeit» Fälschungen auf, die während mehrerer Jahre unerkannt in deutschen Museen hingen. Im Zentrum stehen vor allem vermeintliche Werke russischer Avantgardekünstler aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Der finanzielle Schaden geht in die Millionen. Noch gravierender dürfte der Imageschaden für die teils namhaften Museen sein. Sie müssen sich nun die Frage gefallen lassen, ob sie ihre Sorgfaltspflichten vernachlässigt haben.

Fälschungen in Schweizer Sammlungen

Und wie steht es um den Ruf der Schweizer Museen? Sie sind von den bekannten Fälschungsskandalen der letzten Jahre verschont geblieben. So scheint es zumindest. Denn weder im Fall des berühmten Meisterfälschers Wolfgang Beltracchi noch beim aktuellen Betrugsfall sind Namen von Schweizer Museen gefallen.

Umso erstaunlicher ist, was Nina Zimmer zu sagen hat. Sie ist die Direktorin des Kunstmuseums Bern und des Zentrums Paul Klee: «In jedem Museum gibt es 10 bis 20 Werke, die man vielleicht irgendwann geschenkt bekommen und dann erkannt hat: ‹Oh, es war doch eine Fälschung.›»

Fälschungen, die als solche erkannt werden, bleiben dem Publikum allerdings verborgen. Die Museen behalten sie im Depot – und nutzen Sie für wissenschaftliche Zwecke.

Der Fall Goya

So freimütig wie Nina Zimmer sind nicht alle in der Kunstszene. Was sagt man an der früheren Wirkungsstätte von Nina Zimmer zu ihren Aussagen? «Grundsätzlich hat Nina Zimmer recht. Ich würde nur mit dem Wort Fälschung etwas vorsichtiger sein», sagt Bodo Brinkmann, Kurator im Kunstmuseum Basel.

Ölgemälde mit dramatischer Szene

Bildlegende: Dieser Goya ist eindeutig nicht echt, aber der Beleg für eine Täuschungsabsicht fehlt. Kunstmuseum Basel

Nachahmungen habe es immer schon gegeben. Zur Fälschung werde ein Bild erst, wenn der Schöpfer – oder ein Verkäufer – behaupte, es stamme von jemand anderem. Um eine Täuschungsabsicht nachzuweisen, braucht es entsprechende Dokumente oder Quellen. Die fehlen in der Regel.

Auch im Kunstmuseum Basel gibt es jedoch Werke, bei denen sich der Fälschungsverdacht erhärtet hat. Ein Gemälde zum Beispiel, welches das Museum 1958 angekaufte. Die damalige Museumsleitung dachte, es handle sich um ein Werk von Francisco de Goya.

Vorsicht ist besser als Fälschung

Heute sei man in Schweizer Museen sehr vorsichtig, wenn es um Ankäufe gehe, sagt Nina Zimmer: «Wenn Sie ein Werk erwerben wollen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein Werk aus privater Quelle angeboten wird, das noch keine etablierte Provenienz hat. Da müssen sie genau drauf achten, ob Sie eventuell auf eine gefälschte Provenienz hereinfallen. Da sind inzwischen alle sehr alert.»

Der Liebling der Fälscher

Aufmerksam sind allerdings auch die Fälscher. Es ist kein Zufall, dass im jüngsten Skandal vor allem russische Werke betroffen sind. Die russische Avantgarde aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist bei professionellen Fälschern besonders beliebt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kamen zahlreiche Werke aus dubiosen Quellen auf den Markt, versehen mit abenteuerlichen Herkunftsgeschichten.

Wer eine Ausstellung mit Werken aus dieser Epoche kuratiert, muss besonders vorsichtig sein. Nina Zimmer präsentierte kürzlich eine grosse Schau zum 100. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution.

Dubiose Werke adeln

Zimmer hat präventiv mit einer Beraterin gearbeitet, um die Leihgaben zu überprüfen. Gerade staatliche Museen in Russland wollen um jeden Preis verhindern, dass ihre Leihgaben zusammen mit Fälschungen in Ausstellungen gelangen – und die dubiosen Werke sozusagen adeln.

«Deswegen geht man in dem Bereich so vor, dass man die Leihgaben sämtlichen andern Leihgebern offenlegt. Wir prüfen nicht nur die Werke mit unserer Expertise, sondern wir nutzen die Expertise sämtlicher Spezialisten, die bekannte, etablierte Werke der russischen Avantgarde in ihrer Sammlung haben», erklärt Zimmer.

Keine falsche Sicherheit

Kann Nina Zimmer also ausschliessen, dass in der jüngsten Berner Ausstellung ein gefälschtes Werk zu sehen war? «Da bin ich mir sehr sicher, aber eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nie im Leben.»

Kein Wunder: Gewiefte Fälscher konstruieren heute nicht nur ausgeklügelte Herkunftsgeschichten. Sie verwenden auch Pigmente und Materialien aus den jeweiligen Epochen. Selbst mit wissenschaftlichen Methoden lassen sich solche Fälschungen kaum identifizieren.

Der Fall Beltracchi

Wolfgang Beltracchi: Über 300 Bilder schleust der Deutsche in den Kunstmarkt – bis er 2010 auffliegt und ins Gefängnis muss. Jetzt ist der «König der Fälscher» wieder frei und zeigt, was er kann.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 9.8.2017, 6.50 Uhr