Peter Zumthors Architektur «Zumthors Bauten sind wie sorgfältig gefertigte Möbelstücke»

Über die Atmosphäre eines Gebäudes zu sprechen, bringe nicht viel, meint der Architekturphilosoph Christoph Baumberger. Fruchtbarer sei es, nach dessen Charakter zu fragen.

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Peter Zumthor – Architektur und Atmosphäre

58 min, aus Sternstunde Philosophie vom 18.6.2017

SRF: Was geht in Ihnen vor, wenn Sie in Peter Zumthors Gebäuden stehen?

Christoph Baumberger: Man ist schnell versucht, Zumthors Bauten durch üblicherweise mit ihnen verbundene Bezeichnungen wie «sakrale Atmosphäre» zu beschreiben statt auf die eigenen Erfahrungen zu achten.

Vor Jahren bin ich durch Schnee hinauf zur Kapelle Sogn Benedetg gestapft. In dieser filigranen Holzkonstruktion inmitten der Schneemassen empfand ich eine gefährdete Geborgenheit. Viele seiner früheren Werke haben etwas von präzise und sorgfältig gefertigten Möbelstücken. Das gehört für mich zum Charakter dieser Gebäude.

Kapelle aus Holz, Blick ins Tal

Bildlegende: Die Kapelle Sogn Benedetg in Graubünden. Keystone

Einer Architekturtheorie zur Folge verkörpern Bauwerke auch Tugenden, Ideale oder, wie Sie eben gesagt haben, Charaktere.

Dies scheint mir ein viel fruchtbareres Verständnis von Architektur zu sein als der Begriff der Atmosphäre, der meist mit Zumthor verbunden wird. Atmosphären sind als Weisen, wie uns ein Raum anmutet, viel stärker an die Oberfläche gebunden als der Charakter.

Rückt man die emotionale Wirkung von Architektur in den Vordergrund, läuft man Gefahr, sich zu stark auf die Oberfläche zu fokussieren. Dabei kann Architektur zur Inszenierung, zur Fassadenarchitektur, verkommen.

Während Atmosphären unmittelbar wahrnehmbar sind, zeigt sich der Charakter im Verhalten. Überträgt man das auf die Architektur, muss man fragen: Was tut, was leistet ein Gebäude?

Zum Charakter eines Gebäudes kann gehören, dass es zurückhaltend, bescheiden oder freundlich ist. Es besitzt diese Eigenschaften nicht im selben Sinn wie Personen, aber sie können ihm metaphorisch zukommen. Der Charakter eines Bauwerks sollte jedoch nicht auf Tugenden beschränkt werden, sondern umfasst viele weiteren Eigenschaften.

Blaues Wasserbassin umgeben von grauen Steinmauern.

Bildlegende: Das wohl bekannteste Werk von Zumthor: die Therme Vals. Keystone

Ist Zumthor modern?

Das kommt auf die Definition von «modern» an. Fragt man Menschen auf der Strasse, assoziieren sie damit wohl anonyme Stahl- und Glasarchitektur. Vor dem Hintergrund dieser landläufigen Definition kann man Zumthor nicht als modern bezeichnen.

In der Architekturgeschichte wird die Moderne als Epoche verstanden. Einerseits die klassische Moderne, die hohe ästhetische Ansprüche stellt. Später die Nachkriegs-Moderne mit dem vielgescholtenen Bauwirtschaftsfunktionalismus.

«  Man könnte Zumthor dem Minimalismus zuordnen. »

Als Reaktion darauf kam die postmoderne Architektur, die lokale Bezüge herstellt und mit historischen Zitaten arbeitet, die nicht selten ironisch gebrochen werden. Das Zitieren ist mitunter in eine Spielerei ausgeartet.

Darauf reagierte der Minimalismus, dem man Zumthor zuordnen könnte. Er schliesst an die klassische Moderne an und grenzt sich von der Zeichenhaftigkeit postmoderner Architektur ab.

Kunsthaus Bregenz

Bildlegende: Das Kunsthaus Bregenz. Keystone

Zumthor geht bei seiner Arbeit so vor, dass er sich immer erst in den Ort einfühlt. Das Gebäude soll sich in den Ort einfügen – sollte nicht jeder Architekt so denken?

Ein Bauwerk sollte zu seinem Ort passen, was aber je nach Bauaufgabe und Situation nicht ausschliesst, dass es sich von seiner Umgebung abhebt. Zudem sind auch funktionale und soziale Aspekte der Umgebung einzubeziehen, was eine rationale Auseinandersetzung verlangt.

Leider ist die Rede davon, ein Gebäude sei spezifisch für den Ort, oft nichts mehr als eine leere Floskel. Jeder Architekt und jede Architektin, die etwas auf sich gibt, wird sagen, ihr Bau sei ortsspezifisch. Dennoch sind die Bauten oft genug schlicht austauschbar.

Hohe, rechteckige Steinkapelle

Bildlegende: Zumthors Bruder-Klaus-Feldkapelle bei Mechernich-Wachendorf in der Nähe von Bonn. Getty Images

Warum interessiert sich ein Philosoph überhaupt für Architektur?

Architektur stellt einen interessanten Testfall für die Philosophie dar. Ja, gar eine Herausforderung. Die Ästhetik bietet zwar viele Kunsttheorien, doch die Architektur unterscheidet sich durch ihren Ortsbezug und die Funktionalität von anderen Künsten wie Musik oder Malerei, was klassische Kunsttheorien schon mal in Bedrängnis bringen kann.

«  Architektur ist eine Kunstform. Was nicht heisst, dass jedes Gebäude ein Kunstwerk ist. »

Zum anderen wirft Architektur viele philosophische Fragen auf, zum Beispiel: Haben Architekten eine Pflicht zur Förderung des guten Lebens? Schliesst dies eine Pflicht ein, schöne Gebäude zu entwerfen? Schön für wen? Neben solchen ethischen Fragen stellen sich auch ästhetische Fragen: Was bestimmt den ästhetischen Wert von Bauwerken? Ist die Architektur wirklich eine Kunstform?

Ist sie das?

Ich denke ja. Was nicht heisst, dass jedes Gebäude ein Kunstwerk ist. Zudem sollten Philosophen nicht nur Kunstarchitektur, sondern die gebaute Umwelt mit all ihren Aspekten betrachten.

Das Gespräch führte Sofiya Miroshnyk.

Flaches, langgezogenes Betongebäude

Bildlegende: Waffenplatz St. Luzisteig bei Fläsch (GR). Keystone

Sendung: SRF 1, Sternstunde Philosophie, 18.06.2017, 11:00 Uhr

Zur Person

Zur Person

Christoph Baumberger ist Senior Researcher am Institut für Umweltentscheidungen der ETH Zürich. Er promovierte an der Universität Zürich mit einer Arbeit zur Zeichenhaftigkeit von Architektur, ist Mitherausgeber der Zeitschrift «Architecture Philosophy» und veröffentlichte die Anthologie «Architekturphilosophie. Grundlagentexte».

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