Literarische Korrespondenz Briefe aus irren Ländern

Autorinnen und Autoren verstehen ihr Europa nicht mehr. Im Krisenjahr 2016 schrieben sie einander deshalb Briefe. Diese sind jetzt in einem Buch erschienen – und sie haben Leben verändert.

Mann sitzt auf einem Stein und schaut über durch einen Grenzzaun.

Bildlegende: Ein Flüchtling an der griechisch-mazedonischen Grenze, 2016. Reuters

Es war das Netzwerk der Literaturhäuser, das die Initiative startete. Es forderte 14 deutschsprachige Autorinnen und Autoren auf, ein Jahr lang in Briefkontakt zu treten mit einem anderen Schreibenden in Europa. «Was an Europa ist so kostbar, dass es geschützt werden muss? Was daran droht zu zerbrechen?»

Der daraus entstandene dicke Band trägt eine Europa-Grafik auf dem Cover, auf der die Grenzen zwischen den Ländern kaum zu erkennen sind. Dafür gehen etliche Pfeile von den deutschsprachigen Ländern aus und reichen nach Frankreich und Albanien, Mazedonien und Schottland, bis in die Türkei, nach Russland und Israel. Die Vision eines intensiven politischen Austauschs über Grenzen hinweg ist hier auf beeindruckende Art realisiert.

Bevor Ece Temelkuran aus der Türkei zu einer Lesereise nach London aufbricht, fragt sie ihren deutschen Kollegen Björn Bicker, ob es Ausländer überhaupt interessiere, wie Menschen in der Türkei mit Traumata umgehen. Sie befürchtet, ihr Land sei nun in der «Kategorie der irren Länder gelandet, in denen alles Mögliche geschehen kann.»

Die Not spüren

Aber egal, wo in Europa sie wohnen: Alle sind in diesem Jahr 2016 alarmiert und besorgt; alle suchen sie nach Worten und bekräftigen die Dringlichkeit von Gespräch. Und immer wieder verschlägt es ihnen auch die Sprache.

Als die Berliner Schriftstellerin Annika Reich ihre Korrespondenz mit der Israelin Zeruya Shalev begann, steckte sie gerade in einer Krise. Sie hatte ein Jahr lang das Schreiben zurückgestellt, um stattdessen Flüchtlingen beim Ankommen zu helfen, hatte sogar einen Verein gegründet.

Dann geriet sie aber selbst in eine Art Zusammenbruch, erlebte den «Verlust der Selbstgewissheit» Europas so am eigenen Leib, dass sie nicht mal mehr U-Bahn fahren konnte.

Sie habe zwar auch vorher um die Schattenseiten unseres europäischen Wohlstands gewusst; über strukturellen Rassismus und Zusammenhänge der Ausbeutung. Aber gespürt habe sie das alles erst, als sie sich konkret und tagtäglich mit geflüchteten Menschen und ihrer Not konfrontierte. Sie schreibt: «Die Festung Europa ist ein Zusammenbruch.»

Heilende Brieffreundschaft

Im Gespräch führt sie aus: «Menschen ertrinken an unseren Aussengrenzen und wir halten an unseren humanistischen Ideen fest; nehmen sie weiter für uns in Anspruch.» Das einzige, was sie in dieser Zeit geschrieben habe, seien die Briefe an Zeruya Shalev gewesen. Von dieser fühlte sie sich im Verlust ihrer Illusionen ebenso verstanden wie im Versuch, sich dennoch zu engagieren.

Dieser Austausch, so Annika Reich, habe es ihr ermöglicht, den Schock über eine neue Wahrnehmung von Europa zu verarbeiten. Er habe ihr Schreiben und ihr Leben verändert.

Shalev schrieb ihr, dass sie als Israelin das Gefühl, in einem sicheren Land zu leben, ja gar nicht kenne. Schon viele Jahre habe sie das «absurde Gefühl, dass ich mich in Europa sicherer fühle als in meinem eigenen Land, das dazu gegründet wurde, den aus Europa geflohenen Juden Schutz zu bieten.»

Vielleicht, so Annika Reich, liege Europas Hoffnung ja dort, wo man sich ein Scheitern des Wertesystems eingestehen – und sich da heraus neu erfinden müsse.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 11.07.2017, 17:15 Uhr

Buchhinweis

Netzwerk der Literaturhäuser (Hrsg): «Interessante Zeiten, könnte man sagen. Fragile. Europäische Korrespondenzen». Wallstein, 2017.