Samische Sängerin Mari Boine «Wer bin ich als Frau?» – Eine weltweite Suche nach Antworten

Seit 30 Jahren kämpft die Norwegerin Mari Boine mit ihrer Musik für die Rechte der indigenen Bevölkerung der Samen. Auf ihrem neuen Album erforscht sie nun eine andere Identität: nicht die als Samin, sondern die als Frau.

Mari Boine hält die Hand an das Kinn.

Bildlegende: Auf der Suche nach ihrer Identität als Frau: die Norwegerin Mari Boine. Gregor Hohenberg

«Wer bin ich – als Frau?» Diese Frage stellt sich Mari Boine heute als 60-Jährige. Sie kommt nicht von ungefähr. Denn die Hälfte ihres Lebens hat sie auf und hinter der Bühne für ihre Wurzeln gekämpft – die Kultur der Samen, der indigenen Bevölkerung im hohen Norden. Dabei hat sie ihre Identität als Frau fast ein bisschen vergessen.

Dieses Versäumnis holt sie auf ihrem neuen Album «See the Woman» nach. Dafür schaut sie zurück «auf die Frau, die ich war, bevor ich zur Wortführerin einer ganzen Nation wurde.» Das ist nicht zu überhören – die Klangästhetik der 1980er-Jahre ist omnipräsent.

Melancholie als Teil ihrer Identität

Eines hat sie aber in ihren neuen Songs nicht abgestreift: die typische Melancholie. «Das ist der Sami Blues», sagt Mari Boine, «Melancholie ist ein grosser Teil von mir. Das hat mit meiner Geschichte zu tun.»

Diese Geschichte beginnt 1956 im arktischen Teil Norwegens. Mari Boine wächst als Kind von samischen Lachsfischern und Bauern auf, strenggläubige Christen. Sie hat eine schwierige Kindheit: «Wir durften keine Musik hören. Wir durften kaum lachen. Wir waren jung und wollten die Welt entdecken. Aber wir steckten in einem Käfig.»

Musik – ein Ausweg aus dem Käfig

Mari Boine entkommt diesem Käfig. Sie rebelliert – nicht mit Rockmusik, sondern mit traditioneller Musik, dem Joik, eine Art Jodel. «Als ich mit dem Joiken begann, haben meine Eltern mir gesagt, ich hätte meine Seele dem Teufel verkauft und sie besuchten nie ein Konzert von mir».

Diese Reaktion der Eltern ist eine Folge der systematischen Christianisierung, die die Samen ab dem 17. Jahrhundert über sich haben ergehen lassen müssen. Missionare und Priester haben die samische Sprache sowie die vom Schamanismus geprägte Lebensweise verboten. Auch die Musiktradition.

In den 1960er-Jahren beginnen die Samen für ihre Kultur zu kämpfen, beleben ihre Kultur wieder. Dabei erlebte auch der Joik eine Renaissance. Mari Boine liest alles, was sie über die traditionelle Musik findet.

Sie belässt es nicht beim traditionellen Joiken, sie verbindet die samische Musik mit zeitgenössischen Klängen: Rock, Pop, elektronische Musik und auch Jazz.

Die Rolle der Frau

Nun – mit 60 – ist es Zeit für ihre andere Seite, findet Mari Boine. «Die freie und wilde Seite der samischen Musik ist nur ein Teil von mir. Es gibt noch diesen anderen Teil: den kontrollierten, den Kopf». Diese Seite hat sie entdeckt, während sie Songtexte schrieb – nicht auf Samisch wie bisher, sondern auf Englisch.

Neben eigenen Songtexten adaptierte Mari Boine für ihr neues Album vor allem schon bestehende Texte, von Künstlern aus Australien, Neuseeland, Deutschland, Südafrika und den USA. Texte, die die Rolle der Frau reflektieren und den Respekt gegenüber der Frau in indigenen Völkern zeigen.

Sie bleibt Samin

Doch ganz verzichtet hat Mari Boine auf ihre Identität als Samin doch nicht. Ein einziger Song in Samisch ist auf dem neuen Album.

«Adine & Isak» heisst er und darin schaut sie durch Kinderaugen auf die Welt – eine Welt, die Erwachsene längst vergessen haben. Weil sie zu beschäftigt mit dem Alltag sind.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 13.04.2017, 09:00 Uhr.

Musik der Samen

CD-Hinweis

Mari Boine: «See the Woman». MPS, 2016.