Forscherparadies im Eis Das Klima im Blick, den Eisbären im Visier

Ny-Ålesund ist die nördlichste Siedlung der Welt. Hier untersuchen Wissenschaftler aus aller Welt den Klimawandel. Zu Besuch im Forscherparadies im Eis, wo niemand ohne Gewehr seiner Arbeit nachgeht.

Sebastian Gerland bohrt ein Loch ins Meereis, um dessen Dicke messen zu können.

Bildlegende: Auf dem Kongsvegen-Gletscher: Jean-Charles Gallet nimmt eine Schneeprobe, um darin nach Spuren von Russ zu suchen. srf

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest der Welt. Auf der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen, wo Ny-Ålesund liegt, steigen die Temperaturen noch rasanter.
  • Die Erwärmung bringt enorme Veränderungen: Das Meereis nimmt stark ab, die Gletscher schmelzen, Ökosysteme werden umgewälzt.
  • Manche Veränderungen in der Arktis gehen so schnell vor sich, dass die Forscher davon überrascht werden.

Wer zum ersten Mal nach Ny-Ålesund kommt, muss schiessen lernen. Wegen der Eisbären dürfen die Forscher das Dorf nur mit Gewehr verlassen. Sechsmal zwei Schuss müssen die Mitglieder einer koreanischen Forschergruppe abfeuern, bis der Schiesstrainer Arild Lyssand zufrieden ist.

Zwei junge Leute schiessen in der Arktis.

Bildlegende: Ny-Ålesund: Erst wird geschossen, dann geforscht. srf

Lyssand arbeitete früher als Polizist und hat einige Eisbären-Angriffe untersucht: «Ich weiss, wie gefährlich die Bären sein können.» Es gab mehrfach Tote. Die geschützten Bären dürfen aber nur in Notwehr erschossen werden.

Erst abfeuern, dann abhandeln

Nach dem Schiesskurs sind Jinyoung Jung und sein Team bereit für die Forschungsarbeit. Die Forscher des koreanischen Polarinstituts untersuchen den nahen Kongsfjord. Der Meeresarm ist immer wärmer geworden, seit einigen Jahren friert er im Winter nicht mehr zu. Dies hat grosse Auswirkungen auf das Ökosystem. Viele Tiere sind vom Meereis abhängig, manche Robbenarten etwa ziehen ihre Jungen darauf gross.

Korea hat eine Forschungsstation in Ny-Ålesund, so wie neun weitere Länder, darunter Norwegen und Deutschland, aber auch China und Indien. Jinyoung Jung erklärt das koreanische Interesse an der fernen Arktis: «Was hier geschieht, beeinflusst das Klima in Korea.»

Seit einigen Jahren gebe es dort Kälte- und Hitzewellen, die vermutlich von den Veränderungen im hohen Norden ausgelöst werden. «Das alarmiert die Menschen.» Korea sei aber auch an nördlichen Schifffahrtsverbindungen von Ostasien nach Europa interessiert.

Spielwiese für die Forschung

Die grosse Zahl an Forschern und Nationen mache Ny-Ålesund einzigartig, sagt Kim Holmén, der die Spitzbergen-Filiale des norwegischen Polarinstituts leitet: «Ich denke, das gibt es nirgendwo sonst in der Arktis.»

Die Wissenschaftler untersuchen fast jeden Aspekt des hohen Nordens und des Klimawandels: die Gletscher, die Atmosphäre, die Wolken, die Algen im Fjord, Rentiere, Eisbären und Robben.

Ein Forscher packt Schneeproben in eine Kiste.

Bildlegende: Die Gletscherforscher Jack Kohler und Elisabeth Isaksson beim Warten einer Wetterstation am Ufer des Kongsfjords. srf

Wenn turbulente Temperaturen wüten

Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest der Welt. In Spitzbergen steigt die Temperatur noch rasanter. Der letzte Winter war im Schnitt zehn Grad wärmer als vor 30 Jahren. «Eine radikale Änderung», sagt Kim Holmén.

Oft regnet es nun im Winter, statt zu schneien. Regen kann Lawinen auslösen. In den letzten zwei Jahren gingen zwei Lawinen auf Spitzbergens Hauptort Longyearbyen nieder. Häuser wurden verschüttet, zwei Menschen starben. Davor gab es kaum solche Lawinen.

Gletscher werden vermisst

Die hohen Temperaturen wirken sich auch auf die Gletscher auf dem arktischen Archipel aus. Der Glaziologe Jack Kohler vom norwegischen Polarinstitut vermisst seit Jahren einige Gletscher um Ny-Ålesund.

Auf einem Ausflug zeigt er, wie stark einer davon, der Kronebreen, zurückgegangen ist. Kohler steht am Ufer des Kongsfjord. Von hier sind es etwa drei Kilometer bis zur Front des Gletschers am Ende der Bucht. Sie ist 50 bis 60 Meter hoch, zerklüftet, weiss und blau gefärbt.

Der Forschungsgegenstand schmilzt

«Wir stehen hier am Ort, wo die Front des Gletschers einmal war», sagt Jack Kohler. Bis 2011 sei sie stabil gewesen, aber seither breche deutlich mehr Eis vom Gletscher in den Fjord. Er weicht nun schnell zurück. «Wie weit das noch geht, wissen wir nicht.» Eine Studie prophezeit, dass selbst im arktischen Spitzbergen bis in 80 Jahren viele Gletscher stark schmelzen werden.

Wenn es schlechtes Wetter ist in Ny-Ålesund, müssen viele Forscher im Haus bleiben. Für Expeditionen ist es dann zu gefährlich oder zu unangenehm. Paul Zieger von der Universität Stockholm aber freut sich über viele Wolken. Er erforscht sie.

Häuser auf einer mit Schnee bedeckten Landschaft in der Arktis.

Bildlegende: Liegt im hohen norwegischen Norden: das Forscherparadies Ny-Ålesund. srf

Weit weg und doch überlegen

Auf dem Zeppelin, dem Hausberg des Orts, steht ein Labor, das Wolken einsaugen kann, um sie zu untersuchen. «Wolken sind ein grosser Unsicherheitsfaktor, wenn man das künftige Klima vorhersagen will», sagt Paul Zieger.

Wolken können das Klima abkühlen oder aufheizen, das hängt von ihren Eigenschaften ab. Aber wie sich Wolken in verschiedenen Verhältnissen bilden, ist noch unklar.

Das untersucht Paul Zieger auf dem Zeppelin. An einem Tag im Mai saugt er eine Wolke ein, die mit vielen Russpartikeln beladen ist. Der Wind hat sie vom Süden hergetragen: von Fabrikschloten in Europa oder dem Brand bei einer sibirischen Ölanlage.

Die Arktis ist abgelegen – aber eng verbunden mit dem Rest der Welt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 26.06.2017, 09:03 Uhr

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