Erforschung des Alls Sind Astronauten überflüssig?

Sie gelten als Helden im Weltall, als todesmutige Pioniere für Wissenschaft und Technik. In Tat und Wahrheit aber sind Astronauten in vielen Fällen unnötig.

Astronaut im Weltraum.

Bildlegende: Geldverschwendung? Der amerikanische Astronaut Joseph Tanner bei der International Space Station im Jahr 2006. Getty Images

Das Wichtigste in Kürze

  • Aus wissenschaftlicher Sicht sind Sonden und Roboter effizienter als Astronauten, sagt der Berner Weltraumforscher Rudolf von Steiger. Er hält diese für überflüssig.
  • Die Europäischen Raumfahrtagentur ESA hingegen hält Astronauten für unverzichtbar, etwa für medizinische Forschung.
  • Astronautinnen und Astronauten sind gute Werbung, um Geld für die Raumfahrt aufzutreiben.

Für die Erforschung des Weltraums braucht es keine Astronauten. Aus wissenschaftlicher Sicht sind Sonden und Roboter viel effizienter. So werden keine Menschenleben gefährdet, und es ist erst noch ungefähr zehnmal günstiger.

Das sagen zahlreiche Weltraumforscher, wie etwa Rudolf von Steiger aus Bern. Er ist der Direktor des International Space Science Institute, ein renommierter Weltraumwissenschaftler.

Von Steiger sagt: «Ich wäre überfordert, zehn wissenschaftliche Erkenntnisse in einem Atemzug zu nennen, die auf der internationalen Raumfahrtstation ISS gewonnen wurden und sonst nicht hätten gewonnen werden können.»

Reine Geldverschwendung?

Selbst der Einsatz des ersten und bisher einzigen Schweizer Astronauten Claude Nicollier habe sich finanziell kaum gelohnt. Nicollier reparierte zwar erfolgreich das Hubble-Teleskop. Für das gleiche Geld hätte man aber drei neue Hubble-Teleskope raufschicken können, sagt von Steiger.

Die Europäischen Raumfahrtagentur ESA in Köln hat keine Freude an den Aussagen des Weltraumwissenschaftlers. «Das ist zu vereinfacht», sagt der Ausbildner der Astronauten, Frank de Winne.

Es brauche beides

Medizinische Forschung im All zum Beispiel sei ohne menschliche Versuchskörper, also ohne Astronautinnen und Astronauten, schlicht nicht möglich. Zudem laufe auch bei unbemannten Missionen oft etwas schief. «Aber da kann man dann nichts mehr unterwegs reparieren.»

Bei der ESA will man nicht die bemannte gegen die unbemannte Raumfahrt ausspielen. Es brauche beide. De Winne räumt aber ein, dass die Erwartungen an die Internationale Raumstation ISS grösser gewesen seien. Die Wissenschaft werde jetzt gestärkt.

Frank de Winne im Astronautenanzug

Bildlegende: «Wir sind die Botschafter des Weltraums», sagt Astronaut und ESA-Ausbildner Frank de Winne. Keystone

Grosse Bewunderung

Obwohl Sonden und Roboter im Weltraum wissenschaftlich also meistens viel ergiebiger sind, berichten die Medien hauptsächlich über die bemannte Raumfahrt.

De Winne war selber als Astronaut auf der internationalen Raumstation ISS und weiss um die grosse Bewunderung für die Männer und Frauen im All: «Die Leute wollen Astronauten sehen. Sie wollen neben ihnen stehen. Sie wollen ihnen die Hand schütteln. Das schafft Unterstützung für die Forschung – auch für die unbemannte Erforschung des Weltraums.»

Astronauten als PR-Agenten

Wenn Astronautinnen und Astronauten lächelnd aus ihren Raumfahrtkapseln winken, dann ist das auch PR. Sie sind dann die beste Werbung, um Geld und Unterstützung für die Raumfahrt zu bekommen. De Winne wählt dafür eine schönere Formulierung: «Wir sind die Botschafter des Weltraums.»

In diesem Punkt übrigens sind sich der Wissenschaftler aus Bern und der Astronaut einig. Ganz ohne Astronauten bliebe unter dem Strich wohl weniger Geld in der Kasse für die unbemannte Raumfahrt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 15.07.2017, 12:40 Uhr

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