Referendum über Kurdistan Das vergessene Volk und sein alter Traum

Die Kurden im Nordirak wollen einen eigenen Staat. Auch, um dem Chaos und der Gewalt der arabischen Welt zu entrinnen.

Schätzungsweise 30 Millionen Kurden leben im Nahen und Mittleren Osten. Die Volksgruppe gehört zu den ältesten im ganzen Orient. Die Kurden sprechen eigene Sprachen, haben eine eigene Geschichte, aber keinen eigenen Staat. Auch wenn sie seit Jahrzehnten dafür kämpfen.

Das Siedlungsgebiet der Kurden erstreckt sich vom Iran über den Irak und die Türkei bis nach Syrien. In den Ländern, die nach dem 1. Weltkrieg mehrheitlich aus dem Osmanischen Reich hervorgegangen sind, bilden sie ausnahmslos eine Minderheit. Seit den Grenzziehungen von damals fühlten sich die Kurden, so SRF-Korrespondent Philipp Scholkmann, als «das vergessene Volk».

«  Man spricht von der Jahrhundertchance, auf den Trümmern des Terror-Kalifats an der eigenen Erfolgsgeschichte weiterzuschreiben.  »

Philipp Scholkmann
Nahost-Korrespondent von SRF

Saddam Hussein spricht vor Gericht (2006 in Bagdag)

Bildlegende: Allein beim Giftgasangriff auf Halabdscha starben 5000 Menschen. Saddam Hussein musste sich vor Gericht verantworten. Reuters

Von den Arabern, Iranern und Türken schlägt den Kurden Misstrauen entgegen. Ihre Loyalität zu Staat und Institutionen wird hinterfragt. Im Irak wurden die Kurden unter Saddam Hussein brutal verfolgt. In den 1980er-Jahren kam es zu einer regelrechten Vernichtungskampagne. Zehntausende Kurden starben.

Seit dem Sturz des Diktators hat sich das Blatt gewendet. Während der Irak im Chaos von Terror und Bürgerkrieg versank, vermochten die Kurden ihre Autonomie weiter zu konsolidieren. Nun streben sie sogar die vollständige Unabhängigkeit an: Am 25. September halten die Kurden des Nordiraks ein Referendum ab.

Blick auf eine kurdische Stadt vor einer Bergkette.

Bildlegende: Zerklüftete, wildromantische Landschaften: Kurdistan ist eine Reise wert, findet Scholkmann. Wenn es zur Ruhe kommt. Reuters

Ein grosser Traum und ein grauer Alltag

Und sie stimmen damit, so Scholkmann, «über den grossen kurdischen Traum ab». Die Erfahrung, von den Westmächten entlang von eigenmächtig gezogenen Grenzen verteilt zu werden, wirkt bis heute nach: «Wenn Sie die Menschen nach Unabhängigkeit fragen, spielen Sie direkt in die Herzen der Kurden.»

Kurdische YGP-Kämpfer trauern um gefallene Kameraden.

Bildlegende: In Syrien führt die kurdische YPG den Kampf gegen den IS an. Das Verhältnis zu den irakischen Peschmerga ist angespannt. Reuters

Das Referendum wird allerdings auch durch Machtkalkül befeuert. Denn Masud Barzani, seit 2005 Präsident der Autonomen Region Kurdistan, weiss um die emotionale Wirkung des «grossen Traumes»: «Er geht schon dermassen lange mit dem Referendum hausieren, dass für manche mittlerweile seine Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht», sagt Scholkmann.

Andere vermuten, dass das Manöver von innenpolitischen Problemen ablenken soll. «Es gibt Kritik an Barzanis Führungsstil, Gezänk unter den Parteien, die Wirtschaft steckt in der Krise», so der Nahost-Korrespondent. Diese Kritik sei allgegenwärtig, wenn man mit den Kurden im Nordirak spreche.

Kurdischer Kämpfer blickt auf Stadt südlich von Erbil (2014)

Bildlegende: Blick auf eine Stadt, die die Kurden dem IS entrissen. Mittlerweile sind sie selbst auf arabische Gebiete vorgestossen. Reuters

Auf den Trümmern des Kalifats

Doch abseits von den Schwierigkeiten des Alltags wachse die Sehnsucht danach, den «Zerrüttungen in der arabischen Nachbarschaft» zu entkommen. Jahrelang wehrte sich die Kurdenmiliz, die Peschmerga, gegen die Angriffe der Terrormiliz IS. Sie errichtete ihr «Kalifat» an den Grenzen der Kurdenregion.

Jetzt wittern die Kurden ihre historische Chance, so Scholkmann: «Man spricht in Barzanis Partei davon, auf den Trümmern des Terror-Kalifats an der eigenen Erfolgsgeschichte weiterzuschreiben. Jetzt, wo der arabische Rest des Landes geschwächt und mit sich selbst beschäftigt ist.»

Irakische Kurden demonstrieren in Genf

Rund 400 irakische Kurden haben sich am Sonntag auf der Genfer Place des Nations versammelt und forderten Unterstützung von der Schweiz. Die Demonstranten hielten Spruchbänder in die Höhe, auf denen sie von der UNO das Recht auf Selbstbestimmung für die irakischen Kurden forderten.
«Die Schweiz muss diese Abstimmung unterstützen», sagte der Sprecher der kurdisch-schweizerischen Allianz für die Unterstützung der Unabhängigkeit Kurdistans, Baban Eliassi. Das irakische Kurdistan, das einen grossen Beitrag im Kampf gegen die Terrormiliz IS leiste, sei ein Stabilitätsfaktor in der Region.
Auch die irakischen Kurden in der Schweiz können abstimmen. Eliassi schätzt ihre Zahl auf rund 10'000 Personen. Ein Abstimmungsbüro soll bei der Vertretung der autonomen Region in Bern eingerichtet werden. Auch über das Internet kann abgestimmt werden. (sda)
Kurden auf dem Weg in Flüchtlingslager im Osten der Türkei.

Bildlegende: Einst flüchteten sie vor Saddam in die Türkei. Heute leben schätzungsweise zwei Millionen Flüchtlinge im Kurdengebiet. Reuters

In den Köpfen der Menschen ist die Loslösung vom «Mutterland» schon weit fortgeschritten: «Mit den Jungen in der Hauptstadt Erbil kann man sich kaum noch in Arabisch verständigen. Für viele ist es nur noch eine ungeliebte Fremdsprache», berichtet Scholkmann. Die reichen Öl- und Gasvorräte garantieren Kurdistan – zum Unmut der irakischen Regierung – dereinst auf eigenen Beinen stehen zu können.

Auch sonst ist der Abnabelungsprozess von Bagdad weit fortgeschritten. Reisende können ohne irakisches Visum in die autonome Region gelangen, es gibt eigene Polizeikräfte und auch wirtschaftlich sind die Bande zur Zentralmacht gekappt: «Paradoxerweise hängt die Autonomiezone stark von der Türkei ab, die ihre eigene kurdische Bevölkerung beargwöhnt und deren Führung als Terroristen verfolgt», sagt Scholkmann.

Die Schwäche der arabischen Nachbarn machten sich die Kurden bereits zunutze. Sie profitierten vom militärischen Rückzug des IS und konnten ihr Territorium ausweiten – etwa auf die Ölstadt Kirkuk. Die kurdische Führung will auch die dort lebenden Araber und Turkmenen an der Abstimmung über Kurdistan teilhaben lassen:

«  Längst nicht alle von ihnen sind einverstanden mit den Unabhängigkeitsbestrebungen. Manche warnen sogar davor, dass der Streit um Kirkuk in einen neuen irakischen Krieg münden könnte. »

Philipp Scholkmann
Nahost-Korrespondent von SRF

Und auch in der Nachbarschaft ist man wenig begeistert über das Referendum. Für die Türkei und den Iran bedeutet ein unabhängiges Kurdistan einen Präzedenzfall, den es laut Scholkmann zu verhindern gilt: «Ankara und Teheran verurteilen die Abstimmung. Kurdische Unabhängigkeit vor der eigenen Haustüre ist für beide eine rote Linie.»

Schiitische Politiker in Bagdad schlagen noch ganz andere Töne an: «Sie drohen mit Krieg um Kirkuk. Dabei spielt sicher auch vorgezogener Wahlkampf eine Rolle», relativiert Scholkmann. Klar ist aber: Der Traum von Kurdistan wird so einfach nicht Realität.

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