Krise in Venezuela «Die Lebensmittel werden jede Woche teurer»

Hunger, Medikamentemangel, Repression: Die Situation im Land verschlimmert sich, berichtet die Journalistin Hanna Silbermayr aus Caracas.

Venezolanerin sitzt mit ihrem Kind in Wartesaal

Bildlegende: Geldnot, Hunger und Verzweiflung prägen das Leben vieler Venezolaner. Reuters

SRF News: Wie ist das Leben zurzeit in Venezuela?

Hanna Silbermayr: Die Versorgungslage ist grundsätzlich etwas besser geworden. Im letzten Jahr war es schwierig, Grundnahrungsmittel zu kriegen. Inzwischen findet man davon wieder in den Supermärkten. Allerdings sind die Produkte wahnsinnig teuer. Viele meiner Freunde und Bekannten haben im letzten Jahr stark abgenommen. Manche sehen wirklich ausgemergelt aus. Auch die medizinische Lage ist wahnsinnig prekär. Viele, teilweise lebenswichtige Medikamente fehlen oder sind nicht zu bekommen. Das hat Präsident Maduro inzwischen eingestanden und deshalb die Vereinten Nationen um humanitäre Hilfe gebeten.

Die Vorgeschichte

  • In Venezuela haben Regierung und Opposition für Mittwochabend Grossdemonstrationen angekündigt.
  • Es werden gewalttätige Ausschreitungen erwartet.
  • Venezuela ist seit Jahren in einer schweren Regierungs- und Wirtschaftskrise.

Das klingt nach einem sehr schwierigen Leben. Was ist das Schlimmste?

Man sieht wahnsinnig viele Leute, die auf der Strasse betteln – oft auch Frauen mit Babys. Bei mir im Viertel wühlen die Menschen im Abfall nach Essbarem und essen das dann auch direkt dort. Im letzten Jahr hab ich das noch nicht so gesehen.

Wie viele Menschen leiden an Hunger?

Konkrete Zahlen sind schwer zu eruieren, vor kurzem gab es aber eine Umfrage unter 6500 Familien. 72 Prozent der Befragten sagten, dass sie 2016 an Gewicht verloren haben. 95 Prozent sagen, dass ihnen das Geld nicht reicht, um ausreichend Lebensmittel zu kaufen.

«  Der IWF schätzt die Inflation für 2018 auf 2000 Prozent. »

Wie viel teurer sind Lebensmittel geworden?

Die Inflation wird vom Internationalen Währungsfonds (IWF) auf 700 Prozent geschätzt. Was heute 10‘000 Bolivares kostet, kostet bald 10‘500. Die Lebensmittel werden jede Woche teurer. Für nächstes Jahr ist sogar zu erwarten, dass sie täglich teurer werden. Der IWF schätzt die Inflation für 2018 auf 2000 Prozent.

Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung?

Ich habe das Gefühl, dass sich die Leute bis zu einem gewissen Grad mit der Situation arrangiert haben. Man steht einfach Schlange und kauft das Brot. Das wird auch nicht mehr gross diskutiert, es gehört zum Alltag. Andererseits scheint sich die Wut in den letzten Monaten wieder ein bisschen zu verstärken – auch aus politischen Gründen. Die Entmachtung des Parlaments und der Umgang mit dem früheren Präsidentschaftskandidaten Henrique Capriles, der für die nächsten 15 Jahren von den Wahlen ausgeschlossen worden ist, waren Auslöser dafür, dass die Proteste jetzt wieder losgegangen sind.

Gibt es im Volk noch Maduro-Unterstützer?

Es ist schwer zu sagen, wie viele Unterstützer Maduro wirklich noch hat. Bei seinen Veranstaltungen sind immer Leute. Aber es wird gesagt, dass sie dazu verpflichtet werden oder dass ihnen dafür etwas geschenkt wird.

Kann die Demonstration die Wende bringen?

Ich traue mich fast nicht, eine Prognose abzugeben, weil es in der Vergangenheit sehr grosse Demonstrationen gegeben hat. Im Oktober waren in Caracas geschätzt eine Million Menschen auf der Strasse. Es hat zu nichts geführt. Damals waren die Leute sehr enttäuscht. Es ist möglich, dass es heute anders ist. Dass die Proteste zumindest andauern werden. Aber wirklich sagen, was passiert, kann man nicht.

Hanna Silbermayr

Hanna Silbermayr ist freie Journalistin aus Österreich. Sie lebt teilweise in Venezuela.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Venezuela droht Eskalation

    Aus Tagesschau vom 19.4.2017

    Am vierten Jahrestag des Amtsantritts von Präsident Maduro steht Venezuela Kopf: Anhänger und Gegner Maduros gehen auf die Strasse. Und er selbst hat die Armee eingeschworen.