Angela Merkel Die Sphinx aus der Uckermark

Jeder kennt Angela Merkel. Und doch wieder nicht. Ein Porträt von Deutschland-Korrespondent Peter Voegeli.

Bundestagswahl: Die Spitzenkandidaten der Parteien

Alle glaubten Angela Merkel zu kennen. Bis im Sommer 2015, als die Flüchtlingskrise begann. Plötzlich schien die Bundeskanzlerin ein ganz anderer Mensch zu sein: Keine kühle Physikerin der Macht, sondern eine Kanzlerin der Humanität. Bei näherer Betrachtung wird aber klar: Sie war immer dieselbe. Und so richtig versteht man sie nie.

Angela Merkel ist die Frau die jeder kennt und gleichzeitig niemand. Privat weiss man nur, dass sie gerne kocht und bäckt, dass sie in zweiter Ehe mit dem Chemieprofessor Joachim Sauer verheiratet ist, dass sie die Oper liebt. Im Sommer reist das Paar stets nach Bayreuth und das Dekolleté der Kanzlerin sorgte einmal für einen medialen Sommersturm. Im Winter wird – auch in der Schweiz – Langlaufurlaub gemacht.

Angela Merkel winkt im Abendkleid neben seinem Ehemann Joachim Sauer.

Bildlegende: Angela Merkel und ihr Ehemann Joachim Sauer an der Eröffnung der Bayreuther Festspiele. Reuters

Mit 23 Jahren heiratete Angela Merkel den Physiker Ulrich Merkel - «wir haben geheiratet, weil alle geheiratet haben», sagte sie später einmal. Nach fünf Jahren trennte sich das Paar offenbar ohne grosse Schmerzen.

Angela Merkel wuchs als Tochter des Pfarrers Horst Kasner in Templin in der Uckermark auf. Ihre Eltern waren mit der frischgeborenen Angela in einer Tragetasche 1954 von Hamburg in die DDR umgezogen. Die bedrängte Kirche in Ostdeutschland brauchte dringend Geistliche. Ihr Vater war im Grunde seines Herzens ein überzeugter, aber ein kritischer Sozialist.

DDR nie als Heimat

Angela Merkel selbst fiel politisch kaum auf. Sie arbeitete als Physikerin am Zentralinstitut für physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin-Adlershof. «Ich habe die DDR nie als mein Heimatland empfunden», sagte sie einmal. Aber «ich habe die DDR nicht als dauernde und totale Bedrückung empfunden, weil ich immer meine Nische hatte. Und später habe ich mich so verhalten, dass ich mit diesem Staat nicht dauernd in Konflikt leben musste.»

«  Ich habe die DDR nie als mein Heimatland empfunden. »

Angela Merkel
Bundeskanzlerin

Der frühere Basler Theaterintendant Michael Schindhelm arbeitete mit ihr und beschrieb sie in seinem Roman «Roberts Reise» unter dem fiktiven Namen «Renate» so: «Renate, mit der ich das Büro teilte, war das Vorbild einer illusionslosen Jung-Wissenschaftlerin. Sie promovierte seit etlichen Jahren vor sich hin, Pathos beseelte sie nur im Zusammenhang mit einsamen Radtouren in der Mark Brandenburg.» Als die Mauer am 9. November 1989 fiel, war Angela wie an jedem Donnerstag in der Sauna.

Männerfresserin

Angela Merkel war keine Bürgerrechtlerin in der ersten Reihe. Aber aus der zweiten Reihe rollte sie das Feld von hinten auf, wie es im Sportlerjargon heisst. Sie wurde von Helmut Kohl entdeckt. Zunächst als «Kohls Mädchen» verspottet, machte sie eine beispiellose Karriere und schaltete alle westdeutschen, gut vernetzten männlichen Konkurrenten in der CDU nach und nach aus.

Merkel beugt sich zu Helmut Kohl.

Bildlegende: Helmut Kohl war eine Zeit lang Mentor von Angela Merkel. Keystone

Zunächst war sie Ministerin für Familie und Jugend, dann Umweltministerin, nach der Wahlniederlage bei den Bundestagswahlen 1998 CDU-Generalsekretärin. Im Dezember 1999 stürzte sie Helmut Kohl endgültig, in dem sie sich in einem aufsehenerregenden Zeitungsartikel in der «Frankfurter Allgemeinen» vom Altkanzler lossagte, der durch die sogenannte Spendenaffäre um Schwarzgeldkonten eine Belastung für die CDU geworden war. Und im Jahr 2000 übernahm sie die Führung der Partei.

«  Sie werden mit dieser Pilotin immer sicher landen, aber sie wissen nicht wo. »

Franz Müntefering
frühere SPD-Vorsitzende

Angela Merkel gab der CDU 2003 ein neoliberales Programm, aber nachdem sie den sicher geglaubten Wahlsieg 2005 um ein Haar verspielt hatte, schwenkte sie auf einen vagen politischen Kurs der Mitte um. Der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering spottete einmal, Angela Merkel sei quasi die Pilotin des Flugzeugs «Deutschland»: «Sie werden mit dieser Pilotin immer sicher landen, aber sie wissen nicht wo.»

Merkel profitierte nach ihrem ersten Wahlsieg 2005 von den Reformen von SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder, die in den letzten 12 Jahren zu einer Halbierung der Arbeitslosigkeit geführt hat. Und sie lotste Deutschland souverän durch die Finanzkrise 2008/2009.

Nicht für offene Grenzen

Angela Merkel galt als die Frau, die mit dem Wind des Zeitgeistes segelte. Die das tut, was die Mehrheit der Deutschen für sinnvoll erachtet. Die keine Abenteuer eingeht, keine silbernen Löffel stiehlt, also seriös ist und die Deutschen ruhig schlafen lässt. Das war bis zur Flüchtlingskrise 2015 so.

Danach staunte die Welt über die grosszügige menschliche Geste der Kanzlerin, als sie 890'000 Menschen Zugang nach Deutschland gewährte. Nach einigen Monaten fürchteten sich die Deutschen wegen der offenen Grenzen.

Merkel posiert mit Flüchtling für ein Selfie.

Bildlegende: Im 2015 wollen Flüchtlinge mit Merkel ein Selfie machen. Keystone

Bei genauerer Betrachtung aber wird klar: Die offenen Grenzen waren so nicht geplant. Und bereits eine Woche nach der Öffnung der Grenzen begann die Bundesregierung umzusteuern. Der Journalist Robin Alexander hat die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin in seinem Bestseller «Die Getriebenen» minutiös nachgezeichnet.

Im Gespräch mit Radio SRF sagt er: «Angela Merkel tritt nicht für die Politik der offenen Grenzen ein. Sie hat sich für die erneute Kanzlerschaft mit zwei Sätzen beworben. Der erste Satz war: Wir haben 2015 eine historische Leistung vollbracht, auf die wir als Deutsche alle stolz sein können. Und der zweite Satz war, dass sich das nie wiederholen darf. Und das ist, wofür sie gewählt wird.»

Choice: Ja, Change: Nein

Wieso aber gab es Anfang Jahr einen so grossen Hype für den Herausforderer Martin Schulz von der SPD? Thomas Kleine-Brockhoff vom Think Tank «German Marshall Fund» in Berlin hat eine einleuchtende Antwort: «Die Deutschen wollen <Choice>, sie wollen eine Auswahl haben und deswegen sprangen die Zustimmungswerte von Schulz nach seiner überraschenden Kandidatur in die Höhe. Aber die Deutschen wollen keinen <Change>, keinen Wechsel.»

DE Die Amtszeit der Bundeskanzler im Vergleich Nur ihre Parteikollegen Konrad Adenauer und Helmut Kohl waren bisher länger im Amt als Angela Merkel. (*Stand: 14.9.2017)

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Bernhard Vogel, CDU.

    «Kohl wurde mit dem Herzen gewählt, Merkel eher mit dem Kopf»

    Aus Echo der Zeit vom 3.9.2017

    Bernhard Vogel hat eine besonders aussergewöhnliche Karriere hinter sich: Über 23 Jahre lang war der CDU-Politiker Ministerpräsident und das erst noch in zwei Bundesländern. Er ist nach wie vor gefragt, als politischer Analytiker und Beobachter - auch im Hinblick auf die anstehende Wahl.

    Simone Fatzer