Sitz in UNO-Drogenkommission «Das Fixerstübli ist eine Schweizer Erfindung»

Auch mit 77 Jahren kämpft sie immer noch unermüdlich gegen die Diskriminierung von Drogensüchtigen. Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss gilt als Mutter der aktuellen Schweizer Drogenpolitik. Ihre Erfahrung ist weltweit gefragt.

Vor 20 Jahren: Schliessung des Letten

SRF News: Warum sind Sie in Sachen Drogenpolitik immer noch so aktiv?

Ruth Dreifuss: Ich habe in der Schweiz und in Zusammenarbeit mit Ländern, die in den 1980er- und 1990er-Jahren auch nach neuen Lösungen gesucht haben, viele Erfahrungen gesammelt. Diese Erfahrungen sind immer noch gefragt. Ausserdem finde ich, dass das Drogenproblem oft einen Symbolcharakter hat – für diskriminierte Gruppen, für eine Sicht der Gesellschaft auf Menschen, die man als weniger wertvoll betrachtet. In diesem Sinne ist es immer noch ein Gebiet, in dem man gegen Diskriminierung kämpfen muss.

«  Wir waren als erstes Land sehr aktiv in der Verteilung von sauberen Spritzen.  »

Wie kann die Schweizer Drogenpolitik mit dem Vier-Säulen-Modell international ein Vorbild sein? Ist es das Modell selber oder der politische Prozess, den sie als Bundesrätin anführten?

Es ist beides. Die Schweiz nimmt eine Pionierrolle in der Drogenpolitik ein. Das weltweit erste Fixerstübli, wie man das nannte, ist während der 1980er-Jahre in Bern erfunden worden. Auch die ersten Tests von Substanzen sind eine Schweizer Erfindung. Damit konnte man nun analysieren, welche Drogen auf dem Markt sind und welchen Gefahren man dadurch ausgesetzt ist. Wir waren auch als erstes Land sehr aktiv in der Verteilung von sauberen Spritzen und bei der Gewährleistung des Zugangs zu medizinischer und sozialer Unterstützung. Diese Massnahmen werden in anderen Ländern immer noch diskutiert und auch eingeführt. Man schaut immer noch auf die Schweiz und jene Länder, die nach uns dasselbe System eingeführt haben.

«  Am wichtigsten war, dass die Bevölkerung informiert wurde.  »

Aber auch der Prozess war wichtig. Am Wichtigsten war, dass in der Schweiz einerseits eine politische Diskussion stattgefunden hat. Und andererseits dass die Bevölkerung informiert wurde über die Drogenthematik – etwa aufgrund von Pilotprojekten und von wissenschaftlich erkundeten Tatsachen.

Und warum, denken Sie, hat das funktioniert?

Weil die Zusammenarbeit zwischen der Polizei, Medizin und Sozialarbeit von Wohlwohllen geprägt war. Jeder hat den anderen gut verstanden und niemand wollte Massnahmen verhindern. Nehmen wir ein Beispiel: In Genf gibt es den «Quai9». Ein ruhiger Ort, wo man mit medizinischer und sozialer Betreuung Drogen konsumieren kann. Die Polizei weiss, dass das ein Ort ist, den man schützen sollte. Und dass er nicht dazu da ist, um Menschen zu verhaften oder ihnen das Leben schwer machen.

Betäubungsmittel-Kommission der UNO

Ab 2018 arbeitet die Schweiz erneut für vier Jahre in der Betäubungsmittelkommission der UNO mit. Sie hatte dort schon mehrmals einen Sitz inne.
Die Kommission wurde 1946 gegründet. Sie formuliert die drogenpolitischen Empfehlungen für die UNO-Mitgliedstaaten und entscheidet über die Kontrolle und Einstufung von Betäubungsmitteln, psychotropen Substanzen sowie Vorläuferstoffen.
In Sachen Drogenpolitik habe die Schweiz eine Vorbildfunktion, sagt Tania Dussey-Cavassini, Vizedirektoren des Bundesamtes für Gesundheit. Sie kriminalisiere Süchtige nicht einfach, sondern setzte auf die sogenannte «Vier-Säulen-Politik»: Für die Förderung einer gesundheits- und menschenrechtsbasierten Drogenpolitik werde man sich auch weiterhin einsetzen. Damit die Person nicht nur als Konsument, sondern vor allem als Patienten angesehen werde.

Das Gespräch führte Walter Müller.

Vier-Säulen-Modell

Die Schweizer Drogenpolitik richtet sich seit Anfang der 1990er-Jahre nach dem Vier-Säulen-Modell. Zum Schutz der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit sieht es Massnahmen in den Bereichen Prävention, Therapie, Schadensminderung sowie Repression und Kontrolle vor.