Ansteckung mit Tuberkulose Problematische Situation in Asylzentren

Die Tuberkulosefälle nehmen zu. Betroffen sind vor allem junge Migranten. Konsequent geröntgt werden sie aber nicht mehr.

Schutzhandschuhe, Mundschutz, und Desinfektionsmittel liegen auf dem Wagen vor dem Isolationszimmer im Berner Tiefenauspital. Im Bett hinter der Tür liegt eine Frau aus Eritrea. Sie ist 34 Jahre alt, Flüchtling, seit zweieinhalb Jahren in der Schweiz.

Diagnose: Tuberkulose. Nun kümmert sich Christophe von Garnier um sie. Er ist Professor für Pneumologie und Chefarzt am Berner Tiefenauspital. Er sehe fast jede Woche ein bis zwei Tuberkulosepatienten, sagt er, «und das seit mehreren Monaten». Es seien überwiegend jugendliche Migranten mit schwerstem Befall.

«  «Es sind überwiegend jugendliche Migranten mit schwerstem Befall.» »

Christophe von Garnier
Pneumologe am Tiefenauspital

Zwei Wochen muss die Frau hier in der Isolationsstation bleiben, sie erhält Antibiotika, dann ist die Ansteckungsgefahr gebannt. Die Medikamente muss sie aber mindestens ein halbes Jahr lang nach einem ganz genauen Plan weiter einnehmen.

Ansteckungsgefahr in Asylzentren hoch

Seit zwei Jahren nimmt die Zahl der Tuberkulosefälle in der Schweiz wieder zu – 578 sind es im laufenden Jahr – Tendenz steigend. Und fast jeder dritte Patient stammt aus Eritrea oder Somalia, das zeigen die jüngsten Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit.

Jemand zeigt mit dem Zeigefinder auf ein Röntgenbild einer Lunge.

Bildlegende: Das konsequente Screening mittels Röntgenbild wurde vor zehn Jahren abgeschafft – zu teuer. Reuters

Die Tuberkulose wird durch ausgehustete Tröpfchen übertragen. Die Ansteckungsgefahr für Schweizer durch Flüchtlinge ist laut BAG sehr klein, weil die beiden Gruppen kaum intensiven Kontakt miteinander hätten.

Problematischer ist es in den Asylzentren: Dort sind oft viele Leute lange Zeit auf engem Raum – damit steigt Ansteckungsgefahr. Zwar müssen sämtliche Asylsuchenden bereits in den Bundesasylzentren einen Fragebogen zu Tuberkulose-Symptomen ausfüllen. Doch das reiche nicht, sagt Christophe von Garnier: «Man müsste dort wirklich ein systematisches Screening einführen.»

Fragebogen laut BAG billiger und effizienter

Ein solches Screening – ein systematisches Röntgen der Asylsuchenden – gab es bis vor zehn Jahren, wurde dann aber abgeschafft. Zu Recht, sagt Daniel Koch vom BAG: «Die Befragung ist die kosteneffizientere Art, und sie reicht völlig aus, um die Schweizer Bevölkerung zu schützen und die akuten Fälle zu erfassen.»

Wenn aber trotzdem ein Fall auftritt, müssen auch sämtliche Menschen, die mit der erkrankten Person engeren Kontakt hatten, ebenfalls auf Tuberkulose abgeklärt werden. Das ist – gerade in einem Asylzentrum mit vielen potentiell Betroffenen – eine komplizierte Sache. In den meisten Kantonen übernimmt dies die Lungenliga.

«  Die Befragung reicht völlig aus, um die Schweizer Bevölkerung zu schützen. »

Daniel Koch
Bundesamt für Gesundheit

Zurück im Tiefenauspital. Die Frau hinter der Tür hustet. Von Garnier hofft, dass sie das Spital in einigen Tagen verlassen kann. Dann wird er sie nach Crans Montana in eine Höhenklinik überweisen, damit sie dort ihre Tuberkulose weiter ausheilen kann.