Kommentar: Das Internet als Brandbeschleuniger

Der Tonfall auf dem Internet hat sich verschärft. Die Mechanismen des Mediums fördern Radikalisierung, Abgrenzung und Aggression. Wollen wir ein Internet der Zukunft, wo sich alle wie Extremisten aufführen?

Ein junger Mann schaut traurig auf ein Tablet, aus dem Flammen züngeln und der Hashtag #hate.

Bildlegende: Die alltägliche Wut im Internet. Imago, Montage SRF

Wenn ich in die Kommentare schaue, schlägt mir Wut entgegen.

Überall wird gestritten. Um das Verhältnis von In- und Ausländern. Um Geschlechterrollen. Um Sexualität, um Religion.

Das sind natürlich diskursive Dauerbrenner. Doch mein Eindruck ist, dass sich der Tonfall im Internet stetig verschärft. Die Aggression ist greifbar und in Einzelfällen erschütternd.

Wer auf einer grossen Plattform Kommentare moderieren muss, brennt irgendwann aus. Menschen, die besonders im Rampenlicht stehen, ziehen sich erschöpft aus den sozialen Medien zurück – sie halten die unablässigen Konflikte nicht mehr aus, die negative Emotion übertüncht alles.

In der globalisierten, digitalisierten Diskussion finden wir immer die Nische unserer Gleichgesinnten. Mit ihnen kommentieren wir, liken, sharen und retweeten. Wir schliessen uns ad hoc einem Clan an, nur lose zusammengehalten über einen Hashtag. Im steten Wettstreit mit anderen Clans grenzen wir uns ab und schärfen unsere Position. Wer den Gegner besonders deutlich in den Senkel stellt, erntet Applaus aus der eigenen Kurve.

Diese ideologische Gleichschaltung und Radikalisierung profitiert von der Kunst der «Trolle». Diese Internet-Unholde betrachten es als ihr Recht, zur eigenen Unterhaltung («for the lulz») andere fertig zu machen. Und sie haben einen gut gefüllten Werkzeugkasten entwickelt.

Man droht implizit oder explizit mit Gewalt und veröffentlicht private Details wie Wohnadressen («doxing»). Man übertönt Gegner mit Masse, mit immer neuen anonymen Identitäten, mit den immer gleichen Argumenten, im Internet zum bequemen Copy/Paste bereit gestellt. Man nimmt die gegnerische Präsenz vom Netz oder verunstaltet sie («ddosing» oder «defacing»). Man greift das finanzielle Fundament an, indem man Werbekunden oder Geschäftspartner mit wütenden E-Mails überflutet («astroturfing»).

«  Der Mob steht allzeit bereit, mit geringstem Aufwand hochgradig organisiert. »

Was bei Wikipedia oder Anonymous wirkt, wirkt auch hier. Die Eintrittsschwelle ist tief. Wer mitmachen will, kann das tun. Der Mob steht allzeit bereit: Mit geringstem Aufwand wird eine hochgradig organisierte, beträchtliche negative Energie freigesetzt.

Doch Werkzeuge allein erzeugen keine Wut. Es braucht einen Bodensatz. Das können Globalisierungs-Verlierer sein, oder ein Mittelstand, dem die Felle davonschwimmen; alle möglichen Personen und Gruppen, die sich durch rasante gesellschaftliche, politische oder wirtschaftliche Veränderungen bedroht sehen.

Eineinhalb Jahre nach Edward Snowdens Enthüllungen ist der Kampf um die Kontrolle des Internets im vollen Gang. Im Dreieck zwischen Staaten, globalen Konzernen und Privatpersonen ist in näherer Zukunft mit einer Machtverschiebung hin zu Staaten zu rechnen. Diese verschärfen unter dem Eindruck von Terrorismus ihre grossflächige Überwachung, ohne Nachweis der Wirksamkeit. Ausserdem wollen sie ihre Machteinbusse gegenüber Grosskonzernen wie Facebook oder Google oder der gesichtlosen Internet-Anarchie nicht länger hinnehmen.

Uns Privatpersonen ist dieser komplexe Wettstreit nicht egal. Doch wir haben in dem Dreieck am wenigsten Macht. Es ist deshalb nachvollziehbar, wenn sich Resignation breit macht, wenn sich Unbehagen mit Ohnmacht paart.

Und so flüchten wir uns in simplere Debatten. Vor dem Hintergrund einer verunsichernden Komplexität entlädt sich die Unzufriedenheit in Kulturkämpfen. Wir diskutieren über Symbole statt Substanz.

Diese Polarisierung füttert sich selbst. Auch die Medien profitieren davon. Aufregung aufnehmen und verstärken zahlt sich aus, für alle Beteiligten: Die Gruppen im Publikum bestätigen sich selbst mit Klicks und Shares, und die Medien im Internet erhalten ihre begehrte Währung.

«  Das Internet macht Komplexität sichtbarer. Es befeuert gleichzeitig die Radikalisierung. Es verzerrt, verstärkt, beschleunigt. »

So nimmt das Internet eine Doppelrolle ein: Es macht Komplexität sichtbarer, lässt sie bis zur Erschöpfung auf uns einprasseln. Und es befeuert gleichzeitig die Radikalisierung. Das Internet ist ein Brandbeschleuniger.

Als vor etwas mehr als 150 Jahren das erste Telegrafen-Kabel durch den Atlantik gezogen wurde und Grossbritannien mit den USA verband, brach Jubelgeschrei aus – Krieg sei nun Vergangenheit, denn man könne ja nun in Echtzeit miteinander reden.

Vom Internet liessen wir uns zu der gleichen Utopie verführen und wurden wieder enttäuscht. Im arabischen Frühling rollten Panzer über Smartphones. Der Isis sendet über soziale Medien nicht eine Botschaft des Friedens, sondern sät Hass und Angst.

Das Werkzeug Internet verzerrt, verstärkt, beschleunigt. Sollen wir uns einfach eine dicke Haut zulegen und uns mit einem Internet abfinden, wo sich alle wie Extremisten aufführen? Ich finde nicht. Stattdessen:

Gehen Sie auf andere Gruppen zu. Ohne überzeugen zu wollen. Hören Sie zu. Bleiben Sie höflich und respektvoll. Lassen Sie sich nicht provozieren. Posten Sie den zweiten Gedanken, nicht den ersten. Gehen Sie spazieren.

Guido Berger (@guidoberger) leitet die Digital-Redaktion und ist trotz ernster Miene im Internet immer freundlich.