Hans Burkart: «Ich hatte keine Ahnung was Liebe ist»

Die Lebensgeschichte von Hans Burkart berührt, bewegt und beeindruckt. Als Kind wurde er verlassen, bevormundet, misshandelt. Als junger Mann wurde er von Gott nach Afrika berufen. Der muntere 90-Jährige lebt und wirkt seit 64 Jahren in Simbabwe. Diesen Sommer ist er auf Besuch in der Schweiz.

Der Start ins Leben war für Hans Burkart alles andere als optimal. Als ledige Frau musste seine Mutter ihre Schwangerschaft geheim halten und sich bis zur Geburt bei einer Tante verstecken. Ihr Baby kam nach der Geburt direkt in ein Säuglingsheim und wurde unter Vormundschaft gestellt.

«  Ich musste selber lernen was zu lieben heisst. »

Bruder John Burkart

Als Hans Burkart etwas älter ist, kommt er in ein Kinderheim. «Ich hatte es da schön und es gefiel mir», erinnert sich der 90-Jährige. Die Pflegerinnen im Heim hätten Freude an seinem Schauspiel-Talent gehabt. Für besondere Anlässe sei immer ein Stück eingeübt worden, und er habe immer die Hauptrolle gespielt.

Was ist Liebe?

Spricht Hans Burkart von seiner Mutter, übermannen ihn heute noch die Gefühle. Die Frau, die ihm im Kinderheim jeweils Süssigkeiten vorbeibrachte, sei seine Mutter, meinten die Schwestern. «Doch ich wusste nicht, was eine Mutter ist und auch nicht was es heisst, sie zu lieben.»

Erst mit 20 Jahren kommt er der Liebe auf die Spur als er seiner Mutter zum Muttertag einen Blumenstrauss vorbeibringt. «Sie stand in ihrem Schlafzimmer und wir fielen uns in die Arme», erzählt er unter Tränen. Endlich hätten sie sich auch in der Öffentlichkeit gerne haben dürfen. Auf kurzen gemeinsamen Reisen versuchten Mutter und Sohn etwas von dem vielfach Verpassten nachzuholen..

Misshandelt und vernachlässigt

Als Kind hat Hans Burkart nie bei seiner Mutter gelebt. Mit etwa vier Jahren wird er aus dem Heim geholt und zu einer Pflegefamilie gebracht. Sein Zimmer ist eine bessere Abstellkammer im obersten Stock des Hauses.

Er fühlt sich nicht wohl in dieser Familie und bezieht als Pflegekind regelmässig Schläge. Wann immer es einen Schuldigen braucht, muss er den Kopf hinhalten. Bestraft wird durch Entzug: drei Wochen kein Fleisch, zwei Wochen keine Butter, drei Wochen keine Konfitüre usw. Etwas Fleisch gönnt sich der kleine Bub, indem er sich aus dem Abfall bedient, Knochen abnagt oder Wursthäute isst.

Ruf nach Afrika

Eines Tages wird der kleine Hans von seiner Pflegefamilie weggeholt und nach Fischingen gebracht, in ein Heim für schwer erziehbare Knaben. Er vermutet, dass sein Pflegevater wohl Angst davor hatte, wegen der Misshandlungen aufzufliegen. Nach der Schulzeit arbeitet Hans Burkart als Rossknecht bei einem Bauern. Als Tierliebhaber geniesst er diese Arbeit. Doch dann mischt sich die Vormundschaft ein und verknurrt ihn dazu, eine Berufslehre als Käser zu machen.

«  Die Berufung wählen wir nicht selber. »

Bruder John Burkart

In der Rekrutenschule entdeckt Hans Burkart schliesslich die Leidenschaft fürs Kochen und findet nach und nach zu seiner Berufung: Er will als Missionar nach Afrika. «Die Berufung ist etwas, was wir nicht selber wählen, ein jeder muss von Jesus gewählt werden.»

Mit 21 Jahren tritt er der Missionsgesellschaft Bethlehem bei, besucht das Seminar Schöneck und wird zu Bruder John. Seine erste Mission führt ihn nach Simbabwe: von Rom über Brindisi bis nach Beira (Mosambik) und von da weiter bis Gokomere.

Einsatz zum Wohle anderer

Nach zehn Jahren kehrt Bruder John zum ersten Mal für einen Heimurlaub zurück in die Schweiz. Hier lässt er sich von einem Metzger in die Geheimnisse der Fleischverwertung einweihen, denn die Ernährung seiner Mitbrüder in Simbabwe liegt ihm am Herzen. «Ihr seid alle da für die Schwarzen, doch wer schaut zu euch?», habe er immer wieder betont. Zurück in Afrika baut er deshalb eine Metzgerei – ausgestattet mit eingeführten Maschinen – und eine Rauchkammer.

Als Metzger macht sich Bruder John in Simbabwe einen Namen. Die Nachfrage nach seinen Produkten ist gross – auch ausserhalb der Mission. Überhaupt ist der Name Bruder John rund um die Missionsgesellschaft Bethlehem in Simbabwe ein Begriff. «John, du hast mir Leben gegeben», meinte einst ein Mann, der bei ihm in der Ausbildung war und nun ein eigenes Geschäft betreibt. «Man kann doch nichts Schöneres erwarten, oder», meint Hans Burkart bescheiden. Und treu seiner Berufung schliesst er seine Erzählung mit den Worten: «Wenn ich mein Leben nochmals leben würde, würde ich wieder Missionar.»

Weitere Ausschnitte aus Hans Burkarts Lebensgeschichte

Lebensgeschichten auf SRF Musikwelle

In der «Sinerzyt»-Serie «Lebensgeschichten» von SRF Musikwelle blicken Seniorinnen und Senioren zurück in die Vergangenheit. Sie erzählen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – von wichtigen Episoden aus ihrem Leben. Manchmal werden diese nur kurz gestreift, ein anderes Mal detailliert geschildert.

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