Helga Huonder: «Unser Dorf wurde zwangsgeräumt»

Die Bilder sind stark und berühren. Wenn die 82-jährige Helga Huonder von früher erzählt, wird Geschichte lebendig. Einzelne Erinnerungen führen uns die Schrecken und Entbehrungen des Krieges aus der Sicht eines kleinen Mädchens vor Augen.

1945 im ostpreussischen Grenzort Warschkeiten zwischen Littauen und Polen: Die Bevölkerung wird aus dem Dorf vertrieben, zwangsevakuiert. Auch die zehnjährige Helga muss zusammen mit ihrer Mutter und den vier Geschwistern von einem Tag auf den anderen ihr Daheim verlassen. Der Vater ist zu dieser Zeit in französischer Kriegsgefangenschaft.

«  Am 1. Februar hiess es: Am 2. Februar um 13.00 Uhr ist das Dorf geräumt. »

Helga Huonder

«Wir mussten mitten in der Nacht weg. Mit Ross und Wagen sind wir Richtung Frisches Haff an der Ostsee aufgebrochen. Im gefrorenen See sind Ross und Wagen eingebrochen, also gingen wir zu Fuss weiter.»

Ein Teller Suppe und ein Becher Kondenswasser

Nach einem anstrengenden Fussmarsch und zwei Tagen Rast in einem Lager geht die Reise mit dem Schiff weiter. «Auf dem Schiff haben wir zum ersten Mal nach einer Woche wieder warmes Essen bekommen, eine Erbsensuppe», erzählt Helga Huonder. Hungrig wie sie ist, verschlingt sie die heisse Suppe und muss sich danach übergeben. «Ich habe mich geschämt wie ein Hund und konnte niemanden mehr ansehen.» Ein Arzt habe ihr aber noch einmal etwas Suppe gebracht.

Auf der Flucht in eine neue Heimat bleiben Hunger und Durst ständige Begleiter. Doch in der Not lernt man sich zu helfen. So erinnert sich Helga Huonder, wie sie während einer langen Zugfahrt ihren Durst stillten: «Bei jedem Halt haben wir Wasser von der Dampflokomotive abgefangen und in Becher gefüllt.»

Einen Monat nach der Flucht aus Warschkeiten erreicht Helga’s Familie die knapp 900 Kilometer entfernte Lüneburger Heide und landet in einem Flüchtlingslager. «Später kamen wir auf einen Bauernhof, wo wir uns ein Zimmer teilten. Zwei Betten übereinander und der Mama ihres.»

Die geheimen Wünsche junger Flüchtlinge

Wie ein heller Schein leuchtet bei Helga Huonder eine angenehme Erinnerung an diese Zeit auf: die Sternschnuppen über der Lüneburger Heide. Wenn sie sie beobachtet haben, sass jeder still an seinem «Plätzli». «Man durfte sich etwas wünschen, wenn man eine Sternschnuppe sah, aber niemandem sagen, was man sich gewünscht hatte, sonst hätte sich der Wunsch nicht erfüllt.» Wie die Sternschnuppen war auch jeder Regenbogen wie eine Verheissung und für die kleinen Buben und Mädchen «immer so wichtig.»

Ein neuer Lebensabschnitt

In der Lüneburger Heide darf Helga ein paar Jahre zur Schule gehen. Mit 14 beginnt sie eine Lehre in der Landwirtschaft. Viel lieber wäre sie aber Krankenschwester geworden. Deshalb geht sie nach der Ausbildung nach Braunschweig zu den Diakonissen im Marienstift und lernt Altenpflege. «Das war eine sehr strenge Schule – aber wir haben auch Dummheiten gemacht.» Nach dieser Ausbildung arbeitet sie in einer «Behindertenanstalt».

Motiviert durch eine Freundin verlässt Helga Huonder mit 19 Jahren Deutschland und lässt sich in der Schweiz nieder. Inzwischen lebt sie seit über 60 Jahren im Kanton Graubünden, heute im Tertianum Casa Fiora in Zizers. Helga Huonder war zwei Mal verheiratet und hat drei Töchter.

Lebensgeschichten auf SRF Musikwelle

In der «Sinerzyt»-Serie «Lebensgeschichten» von SRF Musikwelle blicken Seniorinnen und Senioren zurück in die Vergangenheit. Sie erzählen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – von wichtigen Episoden aus ihrem Leben. Manchmal werden diese nur kurz gestreift, ein anderes Mal detailliert geschildert.

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