«Reisen war mir wichtiger als heiraten»

Martha Kummli aus Balsthal war schon immer eine Frohnatur. Die schönen Seiten des Lebens waren ihr wichtiger als Verpflichtungen, die man ihr aufschwatzen wollte. Ihre Arbeit in der Gastronomie war hart genug, da suchte sie den Ausgleich lieber darin, die Welt zu erkunden, als sich zu binden.

Der hohe Norden hatte es ihr angetan: Schweden, Finnland, Norwegen und Dänemark sind Destinationen, von denen Kummli noch heute schwärmt. Auch in Nigeria verbrachte die heute 97-Jährige einen Monat bei einer Nichte. Ihrer Familie war sie mit ihrem Reisefieber eher ein Dorn im Auge. War sie doch die Einzige, die nicht heiratete. Man sagte, sie sei zu wählerisch. Sie selber kontert, einfach nicht den Richtigen gefunden zu haben.

Mit Gehbehinderung gestartet

Der Einstieg ins Leben war holprig. Als Martha Kummli 1920 zur Welt kam, litt sie an Rachitis. Durch diese Krankheit war ihr Bewegungsapparat beeinträchtigt, so dass sie nur schlecht stehen und gehen konnte. Anscheinend hatte sie aber schon als Kind einen starken Willen und raffte sich auf. Sie nahm es mit Humor. Sowieso hatte Kummli stets ein sonniges Gemüt und brachte ihre vier Geschwister und die Eltern stets zum Lachen.

Traumberuf verpasst

Krankenschwester wäre sie gerne geworden. Nach der obligatorischen Schulzeit wurde Kummli aber dazu verdonnert, sich um ihre kranke Grossmutter zu kümmern, anstatt eine entsprechende Lehre zu absolvieren. Immerhin konnte sie später eine sogenannte «Saal-Lehre» in der Gastronomie abschliessen. Hier lernte sie, adrett mit Schürze gekleidet, die Gäste adäquat zu bedienen. Bei englischsprachiger Kundschaft hatte sie allerdings ihre liebe Mühe, da sie der Sprache nicht mächtig war.

Au Pair in London

Zielbewusst wie sie war, machte sich Kummli auf nach London, um dort während eines Jahres als Au Pair zu arbeiten und nebenbei Englisch zu lernen. Dementsprechend begehrt war sie danach als Arbeitskraft in der Schweiz. Als Saisonier zog sie von Spiez nach Arosa, Genf und Basel und arbeitete hier schliesslich über 40 Jahre im Bahnhofsbuffet. Geld gab es dafür nur wenig. Kummli verdiente an die 40 Franken pro Monat, nahm es aber, wie so oft im Leben, mit Humor. Freizeit gab es auch nur wenig. Dafür konnte sie sich so Geld zur Seite legen und für ihre Reisen sparen. Heute verbringt die Seniorin ihren Lebensabend im Altersheim Gundeldingen in Basel und blickt zufrieden auf ihr Leben zurück.

Lebensgeschichten auf SRF Musikwelle

In der «Sinerzyt»-Serie «Lebensgeschichten» von SRF Musikwelle blicken Seniorinnen und Senioren zurück in die Vergangenheit. Sie erzählen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – von wichtigen Episoden aus ihrem Leben. Manchmal werden diese nur kurz gestreift, ein anderes Mal detailliert geschildert.