Alle lieben «Horizon Zero Dawn» – wir mehr so: alles nur geklaut!

«Horizon Zero Dawn» ist der neue grosse Wurf für die Playstation 4. Und alle sind sich einig: Das Spiel hat Höchstnoten verdient! Wirklich alle? Nein: SRF-Digital-Redaktorin Martina Gassner kommt bei «Horizon Zero Dawn» vieles zu bekannt vor, als dass sie lauthals in die Lobeshymnen einstimmen mag.

Keine Frage, der neue PS4-Exklusiv-Titel «Horizon Zero Dawn» holt alles aus der Playstation 4 heraus, das möglich ist.

  • Ein grafisches Feuerwerk, das sogar «The Witcher 3» übertrumpft.
  • Eine offene Welt, die zu Abenteuern einlädt, ähnlich wie in «Fallout».
  • In der Hauptrolle eine Powerfrau à la Lara Croft in «Tomb Raider».
  • Rollenspiel-Momente, die sehr an «Skyrim» erinnern.
  • Action-Adventure-Elemente, wie sie «Far Cry»-Fans lieben.

In a World far, far away

Was geschieht eigentlich 1000 Jahre nach dem Zusammenbruch unserer Zivilisation? Genau diese Frage will «Horizon Zero Dawn» beantworten. Nach der grossen Katastrophe haben sich die wenigen Überlebenden in primitiven Stämmen zusammengerottet. Wie Steinzeitmenschen schlagen sie sich gemeinsam als Jäger und Sammler durch eine von riesigen Maschinen bevölkerte Welt.

Doch nicht alle geniessen den Schutz des Stammes. Manche, wie beispielsweise unsere Hauptfigur Aloy oder deren Patenonkel Rust, sind Ausgestossene. Sie leben in der Wildnis, zwischen den von Dinosauriern inspirierten Maschinen, werden von den Stammesbewohnern gemieden und sind auf sich alleine gestellt.

Gut ist Rust ein erfahrener Ausgesetzter. Er bringt uns in einem sehr liebevollen Tutorial – welches die Anmutung eines Disney-Films besitzt – all das bei, was wir zum Überleben brauchen: Maschinen ablenken, uns lautlos in der Natur fortbewegen und Pfeilbogen schiessen.

Den entscheidenden Vorteil gegenüber den übermächtigen Maschinen haben wir aber nicht dank Rusts Einführung in die Wildnis, sondern dank Aloys sogenanntem «Fokus» – ein Artefakt aus längst vergangenen Zeiten, das sie in einer Höhle findet. Aktiviert Aloy den Fokus, kann sie nicht nur Feinde aufspüren, sondern auch gleich deren Schwachstellen erkennen oder sehen, wohin ein Gegner als nächstes gehen wird.

Ein Gadget, das ihr noch nützlich sein wird, denn mit der friedlichen Koexistenz von Mensch und Maschine wird es schon bald vorbei sein...

Kampf der Giganten

Die Maschinen, denen wir gegenübertreten, sind uns in der Regel weit überlegen. Doch mit etwas Köpfchen bzw. dem Fokus an unserem Köpfchen können wir ihnen Meister werden. Dazu setzten wir uns einfach erst einmal ins hohe Gras und inspizieren die wundersamen Maschinen gründlich:

Manche haben Körperstellen, die empfindlich auf Feuer reagieren. Andere Teile der grossen Maschinen können wir abschiessen und im besten Fall selbst als Geschoss verwenden. Und wieder andere Mecha-Dinos reagieren gereizt, wenn sie über einen Elektrodraht stolpern. Durch das Studieren der Maschinen können wir unsere körperliche Unterlegenheit wettmachen.

Gewisse Gegner lassen sich mit ein wenig Hacken sogar umprogrammieren. So können wir entweder selber auf ihnen reiten oder sie auf ihre Artgenossen hetzen. Es gibt viele Möglichkeiten, diese Maschinen zu bezwingen und als Belohnung hinterlassen die stählernen Riesen Bauteile, die wir gewinnbringend verkaufen oder zu neuen Rüstungen und Waffen zusammenzimmern können.

Openworld for Dummies

Horizon verfügt über eine klassische Haupt- und Neben-Quest-Struktur und lockt mit einer offenen Welt, die es zu erkunden gilt. Doch so richtig «offen» fühlt sich das Spiel leider nicht an, denn irgendwie werden wir als Spieler zu eng an der Leine geführt.

Bestes Beispiel dafür: Ständig müssen wird zwischen gelben Zielpunkten auf der Karte hin und her rennen. Damit wir uns auf dem 700 Schritte weitem Weg nicht verlaufen, unterteilt das Spiel diese Strecke in viele Abschnitte, denen wir folgen sollen. Es scheint, als würde das Spiel uns das freie Erkunden dieser Welt gar nicht wirklich zutrauen.

Doch manchmal, scheint es, werden wir von «Horizon Zero Dawn» auch ernst genommen und dürfen mitreden. Und zwar im wahrsten Sinn des Wortes, denn in gewissen Dialogen können wir selbst entscheiden, wie es weitergehen soll. Doch auch hier wird das Mitspracherecht mehr vorgegaukelt als gelebt, denn unsere Entscheidungen haben kaum Einfluss auf den Verlauf der Geschichte.

Auch das Kampfsystem täuscht Offenheit oft nur vor. Denn häufig gibt es nur einen guten Weg, die grossen Gegner unschädlich zu machen. Was man dazu machen muss, zeigt oft ein einziger Blick durch den Fokus. Mit anderen Worten: «Horizon Zero Dawn» traut seinen Spielern sehr wenig zu.

Was man auch an den unglaublich dummen Maschinen merkt, die vergessen, dass man auf sie geschossen hat, sobald man sich im hohen Grass wieder duckt. Das ändert sich leider auch nicht auf der höchsten Schwierigkeitsstufe. Dort sind die Maschinen kein bisschen schlauer, dafür sehr robust und somit schwerer zu besiegen.

Alles nur geklaut

Entwickelt wurde «Horizon Zero Dawn» vom niederländischen Studio Guerilla Games. Ein Studio, das in der Gaming-Szene für solide Shooter bekannt ist, die auch grafisch einiges zu bieten haben. Mit letzterem, einer fast schon spielfilmartigen Grafik, kann auch «Horizon Zero Dawn» glänzen – auch wenn sich Guerilla Games damit in neues Terrain vorwagen.

Ein anderes Spiel sollte her, eines das Genres wie Action, Adventure und Rollenspiel kunstvoll vereint und obendrein von einer starken Hauptfigur angeführt wird. Um das zu erreichen, hat man in Holland offensichtlich die Game- und Filmkultur der letzten Jahre ganz genau studiert.

Schade, dass Guerilla Games dabei anscheinend vergessen haben, dass das Publikum – die Gamerinnen und Gamer – diese Kultur selbst nur zu gut kennt. Und so findet wir uns in «Horizon Zero Dawn» in einem wilden Mix aus Ideen, Geschichten und auch Spielmechaniken, die wir bereits in anderen Spielen oder Filmen erfolgreich umgesetzt gesehen haben.

Herausgekommen ist dabei zwar das beste Guerilla Game aller Zeiten. Blöd nur, dass es sich anfühlt, als hätten die Entwickler jeweils ein Stück von «Far Cry», «Skyrim», «Tomb Raider», «Fallout» und «Assasin's Creed» mit der Geschichte von «Avatar», «Harry Potter», «Game of Thrones» und «Terminator» gekreuzt.

Dass sich «Horizon Zero Dawn» so anfühlt, ist kein Zufall. Bereits zwei Jahre vor der Veröffentlichung sagte der Game-Direktor Mathijs de Jonge:

«  One of the directions we were very interested in was a character like Sarah Connor in Terminator, Ripley in Alien or, more recently, Ygritte from Game Of Thrones; very strong female characters. That’s where we started. »

Mathijs de Jonge
Game Director «Horizon Zero Dawn»

Schade haben es die Macher anschliessend verpasst, selbstständig weiter zu denken. Denn eigene Ideen sucht man in diesem Spiel vergebens.

Fazit

Trotz mangelnder Originalität hat «Horizon Zero Dawn» alles, was ein tolles Spiel braucht. Eine starke Hauptfigur, die in einer wundervoll dichten und offenen Welt in Abenteuer aufbricht. Eine Grafik, die den Titel «schönstes Playstation-Spiel aller Zeiten» wirklich verdient hat. Eine Geschichte, die wunderbar inszeniert wird. Haupt- und Neben-Quests, die zum stundenlangen Verweilen einladen. Und ein Kampfsystem, das grösstenteils abwechslungsreich gestaltet ist.

Wer also noch nicht allzu viel Vorwissen aus anderen Spielen hat, der bekommt in «Horizon Zero Dawn» eine wunderbare Zusammenfassung der Gamekultur der letzten Jahre und wird mit dem Spiel mehr als nur zufrieden sein.

Liebhaber diverser Klassiker wie «Skyrim», «The Witcher» oder «Far Cry» dürften allerdings vergebens nach einem neuen Kick in «Horizon Zero Dawn» suchen. Es sei denn, man wollte diese Spiele schon immer als Frau in der Hauptrolle durchspielen.

«Horizon Zero Dawn» ist seit dem 28. Februar erhältlich und kostet rund 70 Franken.

Die Geek-Sofa-Diskussion

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Was macht «Horizon Zero Dawn» denn jetzt zu einem guten Spiel? Und warum ist Martina trotzdem nicht wirklich angetan? Unsere Gaming Experten diskutieren auf dem Geek-Sofa (ab 37:37').

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Mehr zu «Horizon Zero Dawn» auf SRF Virus am Freitag Vormittag.