Review «Night in the Woods»: So härzig, so bedrückend!

Schulabbrecherin Mae Borowski ist eine Katze. Das ist süss. Ihre Heimatstadt Possum Springs stirbt aus und jemand verschwindet. Das ist schlimm. Alles zusammen ergibt ein umwerfendes Game!

Katze Mae Borowski ist zurück. Das College-Leben bereitete ihr Schwierigkeiten, und so ist sie wieder in ihrer Heimatstadt Possum Springs gelandet. Irgendwo im Nirgendwo, nachts, am Busbahnhof. Nun muss sie wieder in ihr altes Leben zurück, frühere Freunde treffen, den Anschluss wieder finden. Täglich können wir nun entscheiden, mit wem wir die Zeit verbringen: Bea, Gregg oder seinem Freund Angus.

Ja, Mae ist eine Katze, und so sind alle Einwohnerinnen und Einwohner von Possum Springs: Die Kleinstadt bevölkern vermenschlichte Katzen, Hunde, Füchse, Krokodile, Bären – ein gesamter Zoo. Jööööööh!

Sternenbildergeschichten

Zusammen mit den tierischen Bewohnern ist das Design das erste, was bei «Night in the Woods» ins Auge fällt. Possum Springs ist minimalistisch. Die Stadt ist einfach gezeichnet, koloriert mit einer wohl gewählten Farbpalette. Die Figuren haben gerade, klare Linien, jedoch Eigenschaften, die präzise zu ihrer Charakterisierung beitragen: Die Brille von Bär Angus, die immer glimmende Zigarette von Krokodil Bea, die grossen Katzenaugen von Mae.

Bea, Mae, Angus und Gregg spielen, wir spielen "Guitar Hero"

Bildlegende: Bass spielen mit alten Freunden - was kann da nur schief gehen? Screenshot SRF Digital

Und all diese Figuren tragen wesentlich dazu bei, dass «Night in the Woods» einfach so, so härzig ist: Der Effekt, den vermenschlichte Tiere nun einmal auf uns haben und sofort Disney-Erinnerungen erwecken.

Zu verzückten «Jöööh»- und «Awwww»-Momenten führen aber auch die Minigames, die geschickt in die Geschichte eingeflochten sind. Wir proben etwa mit unseren Freunden im Bandraum und spielen dort eine Art «Guitar Hero». Oder besuchen unseren ehemaligen Lehrer auf seinem Hausdach, wo wir mit ihm Sternbilder jagen (komplettiert von erfundenen Sternbildergeschichten). Poetisch-melancholische Momente, in denen wir innehalten und uns verzaubern lassen.

Story vs. Aussehen: ein Kontrastprogramm

So minimalistisch wie das Design, so simpel ist auch die Game-Mechanik: Wir laufen von rechts nach links (oder umgekehrt) durch Possum Springs, klicken uns durch Dialoge, spielen Minigames. Aber das ist nicht der Grund, weshalb «Night in the Woods» so umwerfend toll ist. Ja, die Tiere sehen süss und knuffig aus, das Design ist wunderschön – gleichzeitig ist Possum Springs ein unglaublich trostloser Ort, die kleinen Geschichten um seine Bewohnerinnen und Bewohner berührend und oft deprimierend. Und dieser Kontrast macht das Game unwiderstehlich.

Pastabilities schliesst.

Bildlegende: Possum Springs stirbt aus. Screenshot SRF Digital

Es ist Herbst, als Mae zurückkehrt, und die ehemalige Minenstadt ist ebenfalls im Herbst ihres Lebens. In der alten Bibliothek, früher vom Mineninhaber gesponsert, sind nun Wohnungen. Dem lokalen Tante-Emma-Laden ist eine Supermarktkette gewichen. Das grosse Einkaufszentrum ist wie ausgestorben, die Stadt zerfällt. Wer kann, zieht weg. Wer bleibt, schlägt sich mit Schmerzmitteln, Alkohol, unterbezahlten Überstundenjobs und der Langweile herum.

Unsympathische Mae

Mae Borowski ist nun also zurück in dieser sterbenden Kleinstadt – und wir erleben mit ihr den Alltagstrott: Morgens aufstehen, Mutter hallo sagen, den Tag mit Freunden totschlagen, durch Possum Springs wandern, abends nach Hause, Vater hallo sagen, mit ihm vor der Glotze sitzen. Wie in jeder Kleinstadt nehmen wir Veränderungen fast schon sehnsüchtig wahr, irgendetwas, das uns aus diesem einlullenden Trott holt.

Und Mae selber verstärkt diesen Kontrast: Sie ist eine süsse Katze, klar. Aber gleichzeitig eine durch und durch unsympathische, tragische Heldin. Wir müssen hilflos mitansehen, wie sie reihenweise in soziale Fettnäpfchen tritt, sich blamiert, dabei arrogant und besserwisserisch ihren Freunden Tipps gibt, latent-aggressiv gegen alles tritt, was sie kann. «Ich blieb und wurde älter, während du weggingst und gleich geblieben bist», sagt Krokodil-Goth und Schulfreundin Bea treffend zu ihr.

Erst spät im Game realisieren wir, dass auch Mae Gründe für ihr Verhalten hat, lange, nachdem ein Ereignis Possum Springs erschüttert hat und hier nicht verraten werden soll. Mae tut uns also ein bisschen leid, regt uns gleichzeitig auf und ist trotz allem eine knuffige Katze – toll!

Abbild einer Generation

«Night in the Woods» brilliert in seiner Geschichte, der feinen Darstellung von Possum Springs und seinen Einwohnern. Die Krönung ist letztlich seine scharfsinnige Reflektion über all die US-Städte, die dank Wirtschaftskrise und Globalisierung im Niedergang begriffen sind und zerfallen. «Money is access / access to politicians / waiting for us to die / lead in our water / alcohol and / painkillers» dichtet etwa die Bärin Selmers für den lokalen Lyrik-Club. Possum Springs ist ein Sinnbild für die derzeitige Lage in vielen US-Städten, egal, ob sie Flint, Detroit oder sonstwie heissen.

money is access / access to politicians / waiting for us to die / lead in our water / alcohol and / painkillers

Bildlegende: Selmers rockt den Lyrik-Club. Screenshot SRF Digital

Gleichzeitig ist «Night in the Woods» eine Reflektion über die Generation, die das Game spielt, wie eine interessante Diskussion auf Steam zeigt: Spielerinnen und Spieler, die in den USA nur mit immensen Schulden ihre Ausbildung bezahlen können. Solche, die mit den Tücken des Erwachsenwerdens zu kämpfen haben. Feststellen, dass ihre Ausbildung überhaupt keine Perspektive bietet, weil alle Job-Aussichten sowieso schon abgewandert sind. «Night in the Woods» schafft es, die grossen gesellschaftlichen Vorgänge, aber auch die kleinen Detailgeschichten des Alltags in ein einziges Game zu packen. Wow.

Das Leben geht weiter

«Night in the Woods» ist sicherlich mehr interaktive Erzählung als ein typisches Game, vergleichbar mit dem Indie-Hit «Gone Home» (2013). Die Handlung ist linear, die Game-Mechanik konventionell. Akzeptiert man diese Positionierung, funktioniert «Night in the Woods» prima.

Letztlich sind es die Kontraste, die «Night in the Woods» unwiderstehlich machen, es von all den anderen storylastigen Games abheben. Ein Game voller poetischer Momente, tragischer Erkenntnisse, surrealer Augenblicken und dem Schmerz des Erwachsenwerdens. Und doch ist in Possum Springs nicht alles verloren: Nach aller Mühsal proben wir trotzdem wieder im Bandraum. Ein Taco-Laden öffnet seine Türen. Das Leben in Possum Springs geht weiter.

«Night in the Woods» läuft auf Windows, Mac und Linux, eine PS4-Version ist geplant. Es ist ab 12 Jahren.