Review «Splatoon 2»: Fröhlich alles einfärben

Auch die Neuauflage eines der innovativsten Schiessspiele der letzten Jahre ist im Kern grossartig. Doch sie zeigt einmal mehr, dass Nintendo «Online» noch immer nicht richtig versteht.

Um es gleich vorwegzunehmen: Die «2» hinter dem Titel müsste eher eine «1.5» sein. Doch weil «Splatoon» auf der gefloppten Wii U erschien, erhält dieses grossartige Game nun auf der Switch noch eine Chance. Weil es deshalb wohl für viele das erste «Splatoon» ist, finde ich den Umstand nicht so schlimm, dass «Splatoon 2» mehr vom Gleichen ist.

Denn die Grundmechanik von «Splatoon 2» ist schlicht genial. Wir spielen in einem 4er-Team gegen ein anderes. Wir schiessen dabei nicht mit Kugeln, sondern Farbe. Die bekleckst nicht nur die Gegner, sondern auch den Boden. Es geht in einer Runde «Turf War» deshalb in erster Linie darum, Territorium zu besetzen und zu halten – das Team, das am Schluss der drei Minuten am meisten angemalt hat, gewinnt. Also einfach fröhlich alles vollkleckern!

Team Blau unter Druck.

Bildlegende: Genug Ecken und Kanten. Screenshot SRF

Einfach, aber erstaunlich taktisch

Das ist gleich aus mehreren Gründen toll: Erstens können so auch Spieler, die im direkten Duell oft den Kürzeren ziehen, trotzdem ihrem Team helfen – indem sie schön säuberlich noch unbefleckte Flächen einfärben oder gegnerische Farbe wieder übermalen.

43.9 vs. 43.8%, 1081p vs. 1079p.

Bildlegende: Ein Sieg wegen 0.1%!!! Also immer alles anmalen, jeder Klecks zählt! Screenshot SRF

Zweitens gibt die Farbe nicht nur Punkte für’s Team, sondern hat weitere Effekte: Per Knopfdruck verwandeln wir uns in einen Tintenfisch, der in der eigenen Farbe schwimmen und sich so viel schneller bewegen kann. Ausserdem heilt die eigene Farbe, die gegnerische tut weh.

Das macht das farbenfrohe Spassspiel erstaunlich taktisch: Besonders im hektischen Direktkampf müssen wir immer die Farbe unter unseren Füssen im Auge behalten. Habe ich noch genug Farbe hinter mir, um mich zurückzuziehen? Könnte ich vielleicht eine Flanke öffnen oder einen Gegner in eine Ecke drängen? Fokussiere ich auf einen Gegner oder halte ich Terrain?

Wunderschöne Farben

Die Farben sprechen Kopf und Herz an: Für Taktiker gibt es viele Entscheidungen, die blitzschnell gefällt werden müssen. Und das Einfärben ist einfach sehr befriedigend. Nicht nur, weil wir uns daran erfreuen, Ordnung zu schaffen. Sondern auch, weil die Farben in «Splatoon 2» grossartig aussehen. Sie glitzern und glänzen in wunderbar knalligen Kontrasten, klatschen wunderschön dickflüssig auf Boden oder Gegner und klingen dabei erst noch toll schleimig.

Ein Splashdown bahnt sich an.

Bildlegende: Die Spezialfähigkeiten sind alle neu und wollen geschickt eingesetzt werden. Nintendo

Neben einigen veränderten oder neuen Waffen und einem neuen kooperativen Modus namens «Salmon Run» gefielen mir vor allem die neuen Karten. Alle Schlachtfelder sind kompakt und einigermassen simpel, doch alle enthalten bewegliche Elemente, unzählige Kisten, Ecken oder Schleichwege und ermöglichen so ganz unterschiedliche Strategien und Spielverläufe.

Innovative, aber gewöhnungsbedürftige Steuerung

Auch die Steuerung bleibt innovativ: Wir steuern unser Tintenfisch-Mädchen oder -Junge nicht nur mit den zwei Sticks (wie üblich bewegt links, rechts dreht), sondern zusätzlich auch mit der Bewegungssteuerung entweder der Joycon oder des Pro Controllers. Um also schnell nach links zu blicken, reissen wir den rechten Stick in diese Richtung; um dann aber präzise auf den Gegner zu zielen, bewegen wir leicht den Kontroller.

Neue Waffe

Bildlegende: Zweihändig Farbe spritzen mit den neuen Dualies. Nintendo

Das ist am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig, weil kaum ein anderer Konsolen-Shooter so funktioniert. Ich habe einige Tage gebraucht, bis ich mich damit wohl gefühlt habe und musste dabei etwas Frust aushalten. Doch ich würde unbedingt empfehlen, sich durchzubeissen und die Bewegungssteuerung zu lernen (statt sie einfach auszuschalten). Denn hast du sie mal gelernt, kannst du viel präziser zielen als dein Gegner, der nur die Sticks benutzt. Alle Top-«Splatoon»-Spieler nutzen sie.

Am einfachsten lernen wir sie im Einzelspieler-Modus, der uns durch verschiedene fantasievolle Hindernis-Parcours scheucht und uns immer wieder andere Waffen in die Hand drückt. Und uns so auch einen Überblick gibt, welche Waffen wie eingesetzt werden wollen.

Noch immer rotieren die Maps nicht zufällig, sondern gemäss eines fixen Stundenplans. Alle zwei Stunden gibt es zwei neue Maps. Das mag etwas stur und langweilig klingen – es hat aber den Vorteil, dass man mehrere Matches nacheinander auf der gleichen Map austrägt und sie deshalb schneller kennenlernt.

Guido gewinnt mit 1887 Punkten!

Bildlegende: Manchmal läuft es richtig schön rund. Screenshot SRF

Mit Freunden spielen unnötig eingeschränkt

Das ist also genau die Sorte Shooter, die ich sehr mag: Kurze Runden; schnell, und trotzdem taktisch; innovative Steuerung und Mechanik; und ein einzigartiges, fröhliches, ungefährliches Design.

Trotzdem kann ich nicht uneingeschränkt jubeln. Denn «Splatoon 2» hat frustrierende Probleme, die völlig unverständlich sind.

So können wir zwischen Runden keine Ausrüstung verändern. Stattdessen stecken wir in einer Warteschlange fest, bis sich acht Spieler für die nächste Runde gefunden haben. Und können dort rein gar nichts tun. Nicht die Waffe wechseln. Nicht die Waffen der anderen Team-Mitglieder anschauen und unsere Ausrüstung darauf abstimmen. Keine Statistiken nachschauen. Nicht einmal verlassen können wir diese Warteschlaufe! Stattdessen erzeugen alle Knöpfe lediglich «lustige» Toneffekte.

Wackel mit der Hand!

Bildlegende: Pearl und Marina sagen Tschüss. Screenshot SRF

Es gibt zwar neu die Möglichkeit, sich per Sprach-Chat zu unterhalten – aber auf die umständlichste und eingeschränkteste Art und Weise. Das, was in so gut wie jedem anderen Online-Shooter geht, können wir hier nicht: Zu zweit oder dritt mit Freunden plaudern und den Rest des Viererteams mit stummen Fremden auffüllen. Wenn wir mit Freunden sprechen wollen, müssen wir einen separaten Modus aufmachen, dem dann ausschliesslich Freunde beitreten können (die auch nur miteinander plaudern können, wenn sie im gleichen Team sind). Und ausserdem dazu eine App auf dem Smartphone installieren und verstehen, in welch verschlungenen Wegen die denkt.

Können wir wenigstens mit Freunden spielen, ohne zu sprechen? Ja, aber: Wir werden vor jeder Runde zufällig einem Team zugeteilt. Also einen Abend lang gemütlich zusammenspielen geht nicht. Diese Einschränkungen machen keinerlei Sinn und sind deshalb äusserst ärgerlich.

Video: Guido spielt «Splatoon 2» (Let’s Play) – wegen technischer Probleme aber nur Single Player, ab 56:51.

Wackliges Netzwerk

Ausserdem sehe ich viel zu oft eine Person, die am Schluss der Runde genau 0 Punkte hat. Bei nur vier Personen im Team fällt das enorm ins Gewicht – das Team mit dem Nuller verliert, ganz egal, wie gut die anderen drei gekämpft haben. Weil wir schon Punkte erhalten, wenn man auch nur ein bisschen Farbe irgendwohin kleckert, gehe ich davon aus, dass die Nuller nicht absichtlich entstehen, sondern weil jemand mitten im Spiel die Netzwerkverbindung verliert.

Wenn das nur ab und zu mal passiert, ist es egal. Doch ich sehe das Phänomen in ungefähr einem Viertel aller Matches! Das ist viel zu viel und enorm frustrierend, wenn du im Verliererteam sitzt. Das (und andere Netzwerkprobleme, siehe Let’s Play) lässt mich vermuten, dass Nintendo Schwierigkeiten hat, sauberes und stabiles Netzwerk zu garantieren – in einem schnellen Online-Shooter wäre das aber zwingend.

So sitzen denn zwei Herzen in meiner Brust – das eine schlägt für dieses grossartige Spiel mit dem genialen Konzept und den vielen kleinen Verbesserungen seit dem Vorgänger. Und das andere pocht wütend herum, weil Nintendo Design-Entscheidungen fällt, die nicht nachvollziehbar sind und sich stur weigert, aus früheren Fehlern zu lernen.

«Splatoon 2» ist für die Nintendo Switch. Es ist ab 7.