«The Long Dark» oder: Wie hart Überleben wirklich ist

Wie hart es wirklich ist, sich im kanadischen Winter durch den Wald zu kämpfen, davon hat man einen ziemlich guten Eindruck, nach dem man «The Long Dark» gespielt hat.

Schwer verletzt und fast erfroren erwachen wir inmitten eines Schneesturms in den Wäldern von Vancouver. Wir sind mit dem Flugzeug abgestürzt, so viel ist klar ─ und wir haben überlebt! Genau das wollen wir auch weiterhin, nur ist das alles andere als einfach.

Ah ah ah ah ─ Staying alive!

«The Long Dark» ist ein Open World Survival Adventure, das sich wirklich so anfühlt, als wäre man im härtesten Winter ohne jegliches Überlebenstraining gestrandet.

Der gerade erst erschienene Storymodus «Wintermute», beginnt zwar mit einer Art Tutorial. Darin erfahren wir allerdings nicht viel mehr, als dass wir auf vier Dinge achten müssen: Erstens nicht erfrieren, zweitens nicht krank werden, drittens genug essen und trinken und viertens hinlegen, bevor wir vor Erschöpfung nie wieder aufstehen werden!

Soweit so logisch. Doch wie zündet man ein Feuer mitten im Schneesturm an? Was mache ich mit der eingefrorenen Mütze? Wo lässt sich in diesen kargen Wäldern Nahrung finden? Wieso sind wir eigentlich immer kurz vor dem Tod? Und vor allem, wo und wie kann ich in Sicherheit kurz die Augen schliessen?

Die ersten Stunden von «The Long Dark» sind zäh. Oft ist die Lösung in Griffnähe – der entsprechende Menüpunkt aber noch nicht gefunden. Ein paar einleitende Erklärungen hätten mir viel Zeit gespart. Doch Survival Spiele sind anstrengend und man muss viele Dinge mühsam erlernen. Letztendlich sind die ersten Stunden nichts anderes als eine gute Vorbereitung darauf, was uns im Rest des Spiels erwartet.

Wo zur Hölle sind wir eigentlich?

In «The Long Dark» reicht dir niemand die Hand oder eine wärmende Decke. Alles was wir wissen, müssen wir zuerst lernen und zwar auf die harte Tour. Wie hart das noch wird, merken wir erst, als wir das Tutorial und unsere kleine geschützte Übungsanlage verlassen.

Ohne den geringsten Plan, wohin wir überhaupt gehen sollen und was wir eigentlich suchen, stampfen wir durch den Schnee. Viele Fragen ─ kaum Antworten. Der einzige, der uns in dieser Nacht wohlgesonnen scheint, ist Petrus ─ immerhin kein Schneesturm mehr, sondern Sternenhimmel und Vollmond.

Gerade genug Licht, um die Silhouette eines hungrigen Wolfs zu erspähen, der gerade über einen Hirschkadaver herfällt. Feuer würde die Wölfe abschrecken, heisst es in einem kleinen Infofenster ─ doch dieses Exemplar scheint sehr hungrig zu sein. Wir schmeissen unsere Fackel nach dem zähnefletschenden Tier. Doch das greift kurz darauf trotzdem an und lässt uns blutend im Schnee liegen. Es kommt, wie es kommen muss: Wir sterben.

In «The Long Dark» ist die Frage nicht, ob wir überleben, sondern bloss, wie lange. Die Nächte in Kanada sind lang, dunkel und kalt. Wer noch nicht allzu viel Erfahrung mitbringt, wird erst einmal falsche Entscheidungen treffen, die unweigerlich in den sicheren Tod führen.

Der Anfang des Spieles ist frustrierend. Doch mit jeder Stunde, die wir überlebt haben, lernen wir auch etwas dazu. «Es wird besser ─ versprochen!», möchte ich jedem verzweifelten Spieler an dieser Stelle versichern. Doch warum tut man sich das an?

Was soll das Leiden?

Das ist die grosse Frage, die sich «The Long Dark» Spieler schon seit langem stellen. Denn das Spiel liegt bereits seit 2014 in einer Early Access Version vor.

Angefangen hat alles mit dem Sandbox-Modus, bei dem es ums blanke und gnadenlose Überleben geht. Auf mehreren Karten und Schwierigkeitsstufen ging es einzig und allein darum, die dunklen Nächte zu überstehen:

Early Access - Let's Play mit Guido

Mit dem Storymodus «Wintermute» verspricht das Indie-Studio aus Kanada seit Jahren einen tieferen Sinn und eine anhaltende Motivation nachzuliefern. Immer wieder wurde der Termin verschoben, doch seit dem 1. August 2017 sind endlich die ersten zwei von insgesamt fünf Kapitel spielbar.

So finden wir bald unsere abgestürzte Propellermaschine, die Erinnerungen weckt. In liebevoll designten Cutscenes erfahren wir, dass wir eigentlich als Pilot wegen unserer Ex-Freundin Astrid durch einen gefährlichen Schneesturm geflogen sind.

Mit Blut hat jemand Perseverance auf den Boden geschrieben - Englisch für Ausdauer.

Bildlegende: Perseverance - Ausdauer Wer hat uns diese Botschaft hinterlassen? Und wie soll man das verstehen? Screenshot SRF Digital

Der Liebe wegen stürzten wir uns also ins Abenteuer… wie könnte es auch anders sein!?

Die Story ist bisher leider wenig überraschend, mal abgesehen von der ein oder anderen Seitentür, die sich auftut und darauf hoffen lässt, dass hinter «Wintermute» vielleicht noch mehr als eine komplizierte Liebesgeschichte steckt. Doch wie diese Cutscenes daherkommen, hat mir sehr gut gefallen: tolles Voice-Acting, schöner Artstyle!

Umso härter wurde ich aus dem Film gerissen, als ich mitten im Dialog plötzlich selber weiterlesen soll. Denn nicht alle Dialogfelder wurden vertont und so fühlt sich das Spiel immer noch unfertig an, obwohl die Veröffentlichung bereits mehrfach verschoben wurde und die Entwickler erst zwei von insgesamt fünf Episoden «fertiggestellt» haben.

Immer mehr spielbarer Inhalt

«The Long Dark» bietet mittlerweile ein hübsches Gesamtpaket mit drei verschiedenen Modi an. Neben der ursprünglichen Sandbox, bei der man zwischen unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen und Karten wählen kann, gibt es auch noch andere Herausforderungen.

Das sind fünf Missionen mit einem klaren Anfang und Ende und einer Aufgabe, die man zu erledigen hat. Die schwierigste Herausforderung ist die Jagd. Dabei muss man zuerst vor einem Bären flüchten und ihn dann töten – eine Herausforderung, der ich nie länger als eine Minute lebend standhalten konnte.

Dem Bär zu entkommen ist eine Herausforderung der nur die härtesten Spieler gewachsen sind.

Bildlegende: Herausforderungen Insgesamt stehen 3 Spielmodi zur Verfügung. Neben dem Storymodus gibt es 5 Herausforderungen und eine Sandbox. Screenshot SRF Digital

Die ersten zwei Kapitel des «Wintermute»-Modus sind ein guter Einstieg für alle, die den Sandbox-Modus oder die Herausforderungen für zu kaltes Wasser für den anfänglichen Sprung halten. Denn in diesen Modi wird nichts erklärt und das ist gerade für unerfahrene Survival Spieler eine sehr grosse Herausforderung.

«Wintermute» wiederum leitet an, ohne den Überlebenskampf zu einfach werden zu lassen. Dabei durchleben wir mehrere Phasen mit einer wunderbaren Dramaturgie: Erst ist es extrem frustrierend und unglaublich hart, aber wenn wir uns der ersten Zivilisation nähern ─ oder zumindest dem, was davon übrig blieb – kehrt eine gewisse Ruhe ein.

Bald sind wir so erfahren und gut ausgerüstet, dass wir nicht mehr halb nackt beim Ausschlachten eines Hirschkadavers verhungern und/oder erfrieren. Wohl genährt und entspannt können wir auch mal acht Stunden durchschlafen, ohne uns dabei zu fragen, ob wir je wieder aufwachen werden.

Fazit

Was mir am besten gefällt, sind allerdings die ungeskripteten Ereignisse, die man in allen Modi erlebt. Immer passiert irgendetwas Unvorhergesehenes: Mal wird man von einem Wolf attackiert und schwer verletzt, mal bringt ein Schneesturm uns meilenweit vom Pfad ab. Die Geschichten, die man einfach so ohne Skript durchlebt, sind die wirklich spannenden Momente im Überlebenskampf.

Der Winterwald von Kanada hat durchaus seinen Charm.

Bildlegende: Idyllische Landschaften Sowohl Grafik- als auch Sounddesign verzaubern . Screenshot SRF Digital

Das ist auch einer der Gründe, warum «The Long Dark» seit Jahren von vielen Fans geliebt und unterstützt wird. Überleben bleibt eine ständige Herausforderung, die man nicht detailliert planen kann.

Darüber hinaus erlernen wir ständig neue Dinge, die den Überlebenskampf immer komplexer werden lassen. Zudem bietet die freie Welt viel Platz zum Ausprobieren und Erkunden. Man hat das Gefühl, ein gutes und ernst gemeintes Survival-Spiel (ohne Zombies!) in den Fingern zu halten.

Wirklich packende Stories oder Quests fügen die ersten «Wintermute»-Kapitel noch nicht wirklich hinzu ─ was nicht ausschliesst, dass diese Geschichte noch eine unerwartete Wende nehmen wird. Auch wenn ich den Cutscenes gerne zugeschaut habe, erinnerten sie mich inhaltlich doch mehr an eine kitschige Romanze. Und auch die Hauptquests fesseln und fordern nicht unbedingt, denn im Wesentlichen müssen wir einfach immer wieder Dinge besorgen – erst Feuerholz, dann Nahrung, und so weiter…

Der Story Modus ist aber trotzdem spielbarer Inhalt in einem guten Survival-Spiel, das erfahrene Spieler schätzen werden. Für neue Spieler wiederum erleichtert es den Einstieg in den Überlebenskampf von «The Long Dark».

«The Long Dark» ist auf Microsoft Windows, Linux, Mac OS, Xbox One und Playstation 4 erhältlich und kostet rund 30 Franken. Weil die PEGI Bewertung kurz vor dem Release von 12 auf 16 Jahre angehoben wurde, erschien das Spiel auf manchen Plattformen erst eine Woche später.

The Long Dark im Kino

The Long Dark im Kino

Hinterland will Entertainment Marken schaffen, die sich über mehrere Medien erstrecken können. Für den Kinofilm wurde der Produzent der Resident Evil Reihe, Jeremy Bolt verpflichtet.

Ein 5-minütiger Kurzfilm wurde bereits 2014 veröffentlicht. Schon damals mit hochkarätigem Personal, wie Oscar Preisträger Cristopher Plummer.