Nationalpark Adula «Freier Zugang für die Einheimischen»

Neue Nationalpark-Projekte haben es schwer in der Schweiz. Dokfilmer Gieri Venzin hat die Debatte um den Parc Adula im Kanton Graubünden begleitet und erklärt, warum das Projekt letztlich gescheitert ist.

Greinaebene

Bildlegende: Die Greinaebene wäre das Zentrum des neuen Nationalparks gewesen. Das Gebiet steht unter Naturschutz. Keystone

Warum war der neue Nationalpark so umstritten?

Die Frage, was mit der Region, in der man lebt, geschieht, bewegt sehr stark. Diese Erfahrung machte ich bereits vor 10 Jahren, nach der Ausstrahlung des «DOK»-Films «Mehr Wildnis – Weniger Bauern». Es gab sehr viele und engagierte Reaktionen seitens der Zuschauerinnen und Zuschauer.

Zur Verschärfung der Debatte um den Parc Adula hat sicher auch beigetragen, dass die Parkfrage von Beginn weg und von beiden Seiten zu einer Schicksalsfrage hochstilisiert wurde. Nach dem Motto: Wenn der Park nicht kommt, kann das Bündner Oberland einpacken und die Lichter löschen. Oder: Wenn der Park kommt, befehlen die Zürcher, was wir hier tun dürfen oder nicht.

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Mehr Wildnis – Weniger Bauern

51 min, aus DOK vom 25.10.2007

Die Frage Parc Adula Ja oder Nein war jedenfalls so umstritten, dass sich die politischen Parteien im Bündner Oberland nicht zu einer Parole durchringen konnten. Einzig die SVP Surselva nahm das Thema auf und bekämpfte den Nationalpark erfolgreich.

Weshalb zog sich die Debatte über 16 Jahre hin?

Die Debatte dauerte natürlich nicht 16 Jahre lang. Von der ersten Idee eines neuen Nationalparks bis zur Abstimmung gab es einige Etappen. Den Startschuss gab Pro Natura im Jahr 2000, als sie alle Schweizer Gemeinden einlud, zu prüfen, ob sich ihr Gebiet für einen neuen Nationalpark eignen würde. Um einen zweiten Nationalpark nach der Gründung des Schweizer Nationalparks im Unterengadin im Jahre 1914 zu fördern, versprach Pro Natura dem ersten neuen Nationalpark eine Million Schweizer Franken.

2006 schickte der Bundesrat das revidierte Natur- und Heimatschutzgesetz in die Vernehmlassung. Ein Jahr später nahm das Parlament die sogenannte Pärke-Verordnung an. Damit waren die nötigen rechtlichen Voraussetzungen für einen neuen Nationalpark geschaffen.

2010 bekam das Projekt Parc Adula das offizielle Label «Nationalpark-Kandidat». Das Vorhaben wurde konkreter und die eigentliche Debatte begann. Je näher die Entscheidung rückte, desto schärfer wurde die Auseinandersetzung zwischen Befürwortern und Gegnern in den betroffenen 17 Gemeinden.

Woran ist das Projekt letztlich gescheitert?

Woran der Parc Adula letztlich gescheitert ist, wird gegenwärtig noch erforscht. Ich bin selbst sehr gespannt, was dabei herauskommt.

Ich denke, eine wichtige Rolle spielte – mit Blick auf die Umgebungszone – die Sorge, die Umweltschutzverbände könnten durch den neuen Nationalpark an Einfluss gewinnen. Dann sicherlich auch – mit Blick auf die Kernzone – eine gewisse Abneigung gegen Fremdbestimmung und die Angst vor dem Verlust von Freiheiten. Letztendlich zweifelten wohl zu viele am wirtschaftlichen Erfolg des Parc Adula.

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«Man fühlte sich schon etwas bevormundet»

1:04 min, vom 7.9.2017

Sie sind selbst Rätoromane und leben in Zürich und in Sedrun. Wäre es für rätoromanische Gemeinden nicht eine grosse Chance gewesen, ihr kulturelles Erbe und ihre Lebensart dem Rest der Schweiz näher zu bringen?

Es wäre eine sehr gute Chance gewesen.

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Park-Gegner Leo Tuor zweifelt an den Argumenten der Naturschützer

0:49 min, vom 7.9.2017

Bedauern Sie das Aus des neuen Nationalparks?

Wenn ich an das Engagement der Befürworter denke, dann Ja. Wenn ich mir die Argumente von Leo Tuor, dem prominentesten Gegner, vergegenwärtige, dann Nein. Beide Seiten hatten gute und nachvollziehbare Argumente.

Gibt es einen Kompromiss, um Nationalpärke durchzusetzen?

Ich glaube schon. Dafür bräuchte es aber einigen Pragmatismus und eine Änderung des Heimat- und Naturschutzgesetzes.

Und wie könnte dieser Kompromiss aussehen?

Freien Zugang für die Einheimischen auch im Kerngebiet! Wer die Schriften in einer Parkgemeinde hat und dort seine Steuern bezahlt, sollte die Freiheit bekommen, das ganze Gemeinde-Territorium zu geniessen. Der grosse Rest müsste sich selbstverständlich an die Parkregeln halten.

Wie sehen Sie die Zukunft der Parkbewegung? Hat ein zweiter Nationalkpark im Tessin eine Chance?

Das Nationalpark-Projekt Locarnese dürfte bessere Chancen haben. Im Süden scheint die Akzeptanz grösser. Die italienischen Täler stimmten ja auch mehrheitlich für den Parc Adula.

Büchertipps zum Thema

    • Das Buchcover von Jon Mathieu: «Die Alpen: Raum – Kultur – Geschichte».

      Bildlegende: Reclam Verlag

      Jon Mathieu: «Die Alpen: Raum – Kultur – Geschichte»

      Jon Mathieu erkundet die Aussergewöhnlichkeit des europäischen Alpenraums aus historischer Perspektive. Er befasst sich mit Umwelt und Kultur, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik in allen alpinen Ländern von der Frühzeit bis in die Gegenwart.

    • Das Bildcover des Buches.

      Bildlegende: Haupt Verlag

      Patrick Kupper: «Wildnis schaffen»

      Das Werk «Wildnis schaffen: Eine transnationale Geschichte des Schweizerischen Nationalparks» ist die erste umfassende Darstellung der Geschichte des Schweizerischen Nationalparks, von den Gründerjahren vor dem Ersten Weltkrieg bis ins 21. Jahrhundert.

    • Ein Bild des Buchcovers.

      Bildlegende: Orell Füssli Verlag

      Jon Mathieu et al. (Hg.): «Geschichte der Landschaft...»

      «Geschichte der Landschaft in der Schweiz: Von der Eiszeit bis zur Gegenwart» erzählt erstmals die Geschichte und Entwicklung der Landschaft in der Schweiz und beschreibt dabei einen Zeitraum von rund 20‘000 Jahren.

    • Ein Bild des Buchcovers.

      Bildlegende: Rotpunktverlag

      Werner Bätzing: «Zwischen Wildnis und Freizeitpark»

      Der bekannte deutsche Alpenforscher klagt in «Zwischen Wildnis und Freizeitpark: Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen»: «Die Berge werden als Schnäppchen verhökert – das muss aufhören!» Bätzing ist überzeugt: Der Mensch könnte die Natur nachhaltig nutzen, ohne sie zu zerstören.

Am liebsten erzählt Gieri Venzin aus dem Leben und aus der Geschichte der Bergler. Mehr als 20 Jahre begleitete er den Bau der Neat mit der Kamera. Der Filmautor lebt in Zürich und Sedrun.

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