Migranten beim Hausarzt

Gehen wir zum Arzt, dann ist für uns selbstverständlich, dass wir mit ihm Mundart reden. Wir verstehen ihn, er versteht uns. Nicht so ist das aber für einen Grossteil der 1,8 Millionen Ausländer, die bei uns leben. Ein tamilischer Hausarzt, eine türkische Hausärztin und ein Berner Hausarzt erzählen.

Afrikanische Flagge mit Arzt
Bildlegende: Ärzte mit Migrationshintergrund verstehen andere ausländische Patienten besser. Colourbox

Manchmal muss sich der Berner Hausarzt Heinrich Kläui mit Händen und Füssen mit seinen Patienten unterhalten. In seiner Berner Hausarztpraxis geht es im Wartezimmer manchmal bunt zu und her. Ein Viertel seiner Patienten hat Migrationshintergrund.

Tamilen kämpfen gegen Diabetes

Zu Rajeevan Rajasekaran kommen tamilische Patienten aus der ganzen Schweiz. Er hat seine Praxis in Rheinfelden. In Zürich hält er einmal pro Woche spezielle Sprechstunden nur für Tamilen ab. Er betreut in seiner Gemeinschaftspraxis aber auch Schweizer Patienten. Für sie ist er «Doktor Raja».

Im Sprechzimmer sind bei ihm oft ganze tamilische Familien, obwohl nur der Vater oder die Mutter behandelt werden muss. Tamilen seien gerne mit der Familie zusammen, erklärt Raja. Die freiwillige Isolation in der Familie und innerhalb der tamilischen Community sei sicher ein Grund für die mangelnde Integration, ist Raja sicher. «Wer integriert ist, nimmt eher an unserem Gesundheitssystem teil, das auch auf Prävention setzt», so der Hausarzt.

Gerade ältere Tamilen würden immer dicker und kämpften mit Diabetes und Herzerkrankungen. Kein Wunder, findet Raja. Denn diese Tamilen würden auch hier essen, wie sie vor 30 oder 40 Jahren in Sri Lanka gegessen haben. Dort habe diese Kalorienmenge Sinn gemacht, da die Leute grosse Wegstrecken zurücklegen mussten und das Leben körperlich anstrengender gewesen sei.

Auch Türken kämpfen gegen Übergewicht

Gegen das Problem Übergewicht und Zucker kämpfen auch Ayse Turguls türkische Patientinnen. Gerade Türkinnen würden traditionell in der Schwangerschaft zu viel essen und würden die überschüssigen Kilos nicht mehr los. Dann seien sie auch viel zu Hause und kochen und backen, sagt Turgul.

Kein Wunder wird auch sie von ihren Patientinnen reichlich mit Baklava beschenkt, dem orientalischen, mit Zuckersirup durchtränkten Gebäck. «Natürlich esse ich das geschenkte Baklava auch, was meiner Figur nicht gerade zuträglich ist», sagt Ayse Turgul.

Gesundheitsprävention für Migranten

Raja hat zusammen mit Landsleuten, die ebenfalls im Gesundheitswesen tätig sind, den Verein Nalavalvu gegründet. Mit einer eigenen Webseite und einer Gesundheitsbroschüre, die sie via Tempel an die Tamilen in der Schweiz abgeben, hat Raja das Thema Prävention selber an die Hand genommen.

Bei den Türken wird verstärkt mit eigenen Anti-Raucher-Programmen gearbeitet. Der Tabakkonsum der Türken macht Ayse Trgul grosse Sorgen: Auch hier seien es die Frauen, die mehr rauchen würden.

Bundesamt für Gesundheit sieht Handlungsbedarf

Die Wichtigkeit von Migration und Gesundheit hat auch der Bund erkannt. Mit einem nationalen Programm sollen Migranten die gleichen Chancen haben, gesund zu leben.

Übersetzungshilfen und Präventionsmaterial in vielen Sprachen seien aber erst ein erster Schritt: «Unsere Erhebungen haben gezeigt, dass wir uns stärker um ältere Migrantinnen und Migranten kümmern müssen», sagt Karin Gasser, Co-Leiterin der Sektion Gesundheitliche Chancengleichheit beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Was die Gesundheit angehe, sei Sprache Integration und ebne den Weg zur Prävention und damit zu einer Chancengleichheit.

Redaktion: Regula Zehnder