Kung Fu Girl: «Tränen sind ein Ausdruck von Unfähigkeit»

Inigo Westmeier porträtiert in «Drachenmädchen» drei Kung-Fu-Schülerinnen zwischen 9 und 17 Jahren. Obwohl er in China nur unter offizieller Aufsicht drehen konnte, gelang es ihm, hinter die Fassade der Mädchen zu blicken. Gleichzeitig liefert er einen tiefen Einblick in die chinesische Mentalität.

Chen Xi ist 15 und das einzige Mädchen, das im Film mal Tränen zeigt.
Bildlegende: Chen Xi ist 15 und das einzige Mädchen, das im Film mal Tränen zeigt. Spot On

«Die Kinder sind oft sehr einsam», sagt die 15-jährige Chen Xi einmal. «Eltern sollten öfter bei ihren Kindern sein. Arbeit ist wichtig, aber Kinder sind noch wichtiger.» Damit spricht sie wahrscheinlich den meisten der 25'000 Schülerinnen und Schülern des «Shaolin Tagou Kung Fu Institute» aus der Seele.

Die Eltern aller drei im Film porträtierten Mädchen wohnen über 1000 Kilometer von der Schule entfernt. Und es ist herzzerreissend zu sehen, dass die Eltern vor lauter Arbeit nicht einmal dann Zeit für ihre Töchter haben, wenn diese sie anrufen.

Mit neun im Kung Fu Elite Team
«Tränen sind Ausdruck von Unfähigkeit, denn Weinen bringt ja nichts», sagt die neunjährige Xin Chenxi. Sie trainiert seit zwei Jahren im Elite Team. Ihr Vater, ein Melonenverkäufer, hat ihr versprochen, sie in der Schule zu besuchen, wenn sie bei ihrem ersten Wettkampf den ersten Platz erreicht.

Wir denken, das hat er ihr gesagt, um sie anzuspornen. Doch dann sehen wir, wie die Kleine ihn anruft, um ihm stolz mitzuteilen, sie habe einen zweiten und einen vierten Platz erreicht. Und der Vater antwortet doch tatsächlich, sie solle in Zukunft härter trainieren, dann werde sie nächstes Mal erste. Keine Freude, kein Lob, nichts dergleichen.

Aus der Schule geflohen
Solche Szenen wirken für unsereiner fast unmenschlich hart und kaum nachvollziehbar. Gut nachvollziehen können wir hingegen, warum die 17-jährige Huang Luolan dem Drill der Schule nicht standhalten konnte und zu ihrem Adoptivvater nach Shanghai zurück geflohen ist.

Sie sagt einmal: «Man kann nur das, was einem gefällt, von ganzem Herzen tun.» Ihr Adoptivvater denkt jedoch, er habe sie zu sehr verwöhnt. Strenge, Härte, Unnachgiebigkeit sind Themen, die den ganzen Film prägen.

Zwischen Bewunderung und Ablehnung
Dennoch gibt es einige wenige Momente, in denen das Kind in den Mädchen aufblitzt. Etwa dann, wenn die neunjährige Xin Chenxi mit fast heiligem Eifer das Märchen vom Drachen erzählt. Oder wenn die Mädchen im Schlafsaal Disco spielen, unbeschwert tanzen und mit Taschenlampen für die Light Show sorgen.

Der herausragende Dokumentarfilm «Drachenmädchen» ermöglicht uns einen Einblick in eine völlig fremde Welt mit einer ganz anderen Mentalität. Wir mögen zwischen Bewunderung und Ablehnung hin und hergerissen sein, aber ganz sicher ist ein Gefühl: Man möchte diese Mädchen mehr als einmal einfach nur in die Arme nehmen. 5 von 6 Filmbären.

Der Filmtrailer ist zwar deutsch synchronisiert, die Schweizer Kinos zeigen aber die untertitelte Originalversion.