«Ich finde mein Leben schon lange gut»

Schauspieler Mike Müller spricht über Kindheit, Jugend, Erfolge und Misserfolge. Und erzählt, warum er eigentlich Schreiner werden wollte.

Video ««Selber aussteigen ist immer noch das Beste»» abspielen

«Selber aussteigen ist immer noch das Beste»

0:38 min, vom 30.6.2017

Was wissen Sie über Ihre Geburt?

Ich selber habe keinen blassen Schimmer, aber aus Erzählungen weiss ich, dass es ein nebliger 25. Oktober gewesen war. Meine Eltern waren jung, 23 Jahre alt und ich bin, glaube ich, um viertel ab vier oder viertel ab sechs morgens – jedenfalls früh auf die Welt gekommen. Mein Vater hat mir dann später erzählt, er sei im Spital im Treppenhaus das Treppengeländer runter gerutscht, aus Ergriffenheit.

In was für ein Milieu sind Sie hineingeboren worden?

In ein aufsteigendes Bildungsbürgertum, würde ich sagen. Mein Vater war Primarlehrer. In den 60er-Jahren haben Primarlehrer noch nicht gut verdient. Meine Mutter war Dekorateurin und hat mich relativ früh mitgenommen zum Arbeiten. So ein Atelier war einfach das Paradies für ein Kind, weil man dort basteln und das Zeug dreckig machen konnte. Es hatte Farben, Holz – darum war mein erster Berufswunsch auch Schreiner.

Das war ein Milieu, das eigentlich einen permanenten Aufstieg erlebte in den 70er-Jahren. Irgendeinmal ging die Wirtschaft ja ab wie die Rakete. Die Löhne wurden auch besser. Wir sind aus der dreieinhalb Zimmerwohnung in Zuchwil raus und meine Eltern haben eine Eigentumswohnung gekauft. Und später bauten sie dann ein Haus auf dem Land. Das war für eine ganze Generation so. Wir wissen eigentlich, dass der Aufstieg nicht gottgegeben ist.

Video ««Auch das mit dem Essen war damals anders»» abspielen

«Auch das mit dem Essen war damals anders»

0:37 min, vom 30.6.2017

Sie waren lange Einzelkind.

Ja, ich war etwa sieben, als Tobi auf die Welt kam. Das war natürlich schon eine Änderung im System, aber mit sieben ist man zu alt, um den Eifersüchtigen zu spielen. Es war dann einfach ein «Buschi» da, um das sich alles gedreht hat. Ich fand das super, habe ihm auch mal den Schoppen gegeben. Ich habe zum Beispiel bis etwa 20 nicht aus fremden Tellern essen können, ausser wenn es von meinem Bruder gewesen ist. Das war ein sehr lustiger kleiner Bub. Also, das ist er heute noch. Heute ist er einfach nicht mehr klein und hat selber einen kleinen lustigen Bub.

Welche Fernsehsendungen haben Ihre Kindheit geprägt?

Ich bin sehr beschränkt mit Fernsehen aufgewachsen. Das ist ja der Klassiker: Die, die ohne Fernsehen aufwachsen, machen später Fernsehen. Auch Comics durfte ich nicht lesen. Bei meinem Bruder haben das die Eltern dann gelockert. Was es bei uns immer gab, ist das Vorlesen vor dem Einschlafen. Insofern hatten wir Glück: Wir sind gefördert worden. Und ich durfte immer verdreckt heimkommen, das war nie ein Problem. Gummistiefel und Overalls, das war meine Kindheit.

Wer hat Sie aufgeklärt?

Meine Eltern. Das war eine Generation von progressiven Eltern. Ich staune, wenn ich zurückschaue: Bei uns ist man immer nackt rumgelaufen. Das ist mir dann irgendwann fast zu viel geworden. Meine Eltern waren keine Hippies, aber man hat versucht, Sachen anders zu machen. Als sie mich aufklärten, zeigte mein Vater mir die Schublade, «da gehst du Kondome holen». Er hatte immer Schiss, dass er Unterhaltsbeiträge zahlen müsste, wenn wir irgendwelchen Seich machen. Mein kleiner Bruder kam dann irgendwann zu mir und sagte mir, wieviel Sex meine Eltern haben, weil der «Saucheib» die Kondome abgezählt hat. Das wissen meine Eltern bis heute nicht.

Video ««Waren Sie ein guter Schüler?»» abspielen

«Waren Sie ein guter Schüler?»

0:29 min, vom 30.6.2017

Was hat Sie als Teenager gestört?

Ja gut, ich hatte immer ein bisschen Mühe mit autoritären Strukturen. In der Schule und dann auch im Militär, deshalb bin ich nach zehn Tagen RS wieder nach Hause. Ich war auch viel zu alt, ich war knapp 21, als ich in die RS bin. Da waren gleichaltrige Offiziere und Unteroffiziere, die in einem Ton rumbellten. Ich dachte, die seien nicht ganz «gebacken». Und das würde ich heute noch denken. Nach fünf Minuten – wir hatten nicht mal die Uniform an – habe ich gewusst, das geht nicht. Es gibt wenige Momente in meinem Leben, in denen ich so eine grosse Klarheit im Kopf hatte.

Wieso interessiert Sie Theater?

Ich hatte immer das Gefühl beim Theater ist so verdammt viel möglich. Man kann sich mit klassischen Stoffen auseinandersetzen, mit wahnsinnig tollen Texten. Und man kann viel Seich machen, kann ein Kindskopf bleiben und mit lustigen Menschen zusammen sein. Ausserdem muss man eine gewisse Leistung erbringen, immer liefern. Der Leistungsdruck und das Texteschreiben haben mir immer gepasst. Und man arbeitet in einem Team, das sind sehr interessante Prozesse. Als ich mit 20 Jahren Philosophie studieren ging, konnte ich das nicht wissen, dass ich am Schluss vor der Kamera und auf der Bühne sein werde.

Wo stehen Sie heute im Leben?

Das weiss ich nicht. Ich bin in einer Branche tätig, wo man erstens schlecht planen kann und wo es auch rückblickend schwierig ist zu beurteilen. Viele Menschen sagen, «ah, das war dein Durchbruch mit ‹Giacobbo/Müller› oder mit ‹Der Bestatter›». Für mich ist das ein Beruf, in dem es keinen Durchbruch gibt. Da ist relativ viel stetige Arbeit dahinter.

Klar, nach einer Premiere oder wenn einem ein Text gelingt, fühlt man sich befreit – aber ich finde mein Leben schon lange gut. Ich sage immer: Erfolg ist, wenn man weiterarbeiten kann. Wenn «Der Bestatter» Erfolg hat, können wir aufhören, wann wir wollen. Misserfolg ist, wenn man aufhören muss. Denn selber aussteigen – das ist immer noch das Beste.

«Geboren am…»

Bilderrahmen mit drei Ereignissen: Flugzeug, Unruhen, ein Mann mit Armbrust

SRF

In der Sommerserie «Geboren am…» erzählen wir Geschichten von Menschen, die eines verbindet: Sie kamen am gleichen Tag auf die Welt. Jede Folge zeigt drei Lebenswege, die unterschiedlicher nicht sein könnten. «Geboren am ...»:

Sendung zu diesem Artikel