Alt-Bundesrat im Gespräch «Ich habe mich sehr oft über meine Rolle lustig gemacht»

Anlässlich der «DOK»-Serie «Geboren am...» blickt Moritz Leuenberger zurück auf seine Kindheit, Pubertät und seine Zeit als Bundespräsident.

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Erster geschiedener Bundesrat – wie war das?

1:19 min, vom 11.7.2017

Hatten Sie eine schöne Jugend?

Ich muss ein bisschen unterteilen. Als Kind hatte ich es sicher sehr schön. Unser Vater erzählte uns jeden Abend eine Geschichte. Am Sonntag war es eine aus der Bibel. Das hat er immer sehr humorvoll, sehr theatralisch erzählt. Ist auf die Stühle gestiegen und hat die verschiedenen Dialekte nachgemacht. Das war eine grosse Leistung und eine glückliche Zeit.

Was war mit der Zeit danach?

Dann kam die Pubertät. Ich bin jetzt 70 Jahre alt und hüte mich davor, meine Eltern öffentlich anzuklagen. Es gab aber Differenzen, die von mir mit einer gewissen Verbissenheit ausgefochten wurden. Da habe ich nicht so eine wahnsinnig schöne Erinnerung daran.

Der einschneidendste Moment meiner Jugend war sicher, als ich mit 14 Jahren schwer krank wurde. Ich war ein Jahr vollkommen immobil und sehr lange im Spital wegen einer Knochenmarkentzündung. Ich hatte einen sogenannten Beckengips. Von den Füssen bis zur Brust eingegipst, wie ein Brett. Ich konnte mich nicht aufsetzen, sondern nur die Hände bewegen. So etwas ist nicht einfach zu ertragen, und als Jugendlicher ist es glaub umso schwerer. Vor allem dachte ich immer, dass ich einmal eine Sportkarriere machen würde.

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«In der Kindheit wurde vor und nach dem Essen gebetet»

1:09 min, vom 7.7.2017

Wollten Sie schon immer Bundesrat werden?

Der Berufswunsch war bei mir komplett unklar. Die meisten meiner Kollegen sind Ärzte geworden, da ist der Weg vorgegeben. Ich hatte immer ein bisschen Angst davor, durch die Berufswahl schon mein ganzes Leben zu bestimmen, deshalb habe ich das Jusstudium gewählt. Natürlich wusste ich gar nicht, was Jus eigentlich ist. Ich dachte nur, das ist eine gute Grundausbildung. Später zog es mich dann in den Anwaltsberuf hinein...

Sie traten sehr früh in die SP ein. Gab es ein «Erweckungserlebnis»?

Das ist schwierig zu sagen. Ich habe mich immer für Politik interessiert und früh angefangen Zeitung zu lesen. Als Jugendlicher las ich zuerst «Unglücksfälle und Verbrechen» und drang dann systematisch zu den politischen Überschriften vor. Das ist eigentlich heute noch meine Hoffnung: Dass die, die «20 Minuten» lesen, sich vielleicht später trotzdem noch mit den wahren Problemen unserer Gesellschaft auseinandersetzen.

Ich weiss auch noch, dass ich mit etwa 15 Jahren Leserbriefe geschrieben habe. Allerdings immer anonym, weil ich Schiss hatte vor meinem Vater. Ich fragte ihn zuerst «Was denkst du zu diesem Leserbrief?» und wenn er sagte «den finde ich fantastisch», gestand ich ihm, dass er von mir war. Das war gewissermassen meine erste öffentliche Tat.

Im Jahr 2001 ereigneten sich einige schwere Unglücke. Sie waren damals Bundespräsident. Wie war das für Sie?

Ich möchte zuerst generell sagen: Selbst als Bundesrat habe ich mich mit meiner eigenen Rolle nicht immer zu 100 Prozent identifiziert. Ich habe mich sehr oft über meine Rolle lustig gemacht. Ich habe die Ironie immer wieder gebraucht. Und bin damit auch angeeckt.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Als der Lötschbergtunnel durchbrochen wurde, musste ich auf einen Kompresser drücken, um die letzte Sprengung zu starten. Es gab einen furchtbaren Krach und ich sagte ins Mikrofon: «So schnell habe ich auch noch nie etwas bewirkt.» Das hat viele Proteste ausgelöst. Das hat man nicht verstanden.

Als Bundespräsident kam dann ein Gefühl über mich von «ich bin jetzt da für alle». Als diese Katastrophen passierten, sei es 9/11, sei es Zug oder der Brand im Gotthard – da waren die Menschen verunsichert und sie wollten sich vertreten fühlen. Da war kein Platz mehr für Ironie. Meine Aufgabe war, für alle Worte zu finden. Und so wie ich heute noch weiss, wurde das ganz offensichtlich auch so akzeptiert und aufgenommen.

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«Ich fühle mich nicht alt»

0:37 min, vom 7.7.2017

Für was sind Sie auf die Welt gekommen?

Das ist mir zu tief… Ich bin kürzlich auch gefragt worden: «Was, wenn alles Fiktion wäre?» Ja, dann wäre es halt Fiktion. Es ist trotzdem schön. Der Sinn des Lebens besteht für mich sicher darin, Teil der Gesellschaft zu sein, und sich einzusetzen. Das ist eine politische Antwort, aber ich bin ein Politiker. Ich habe mein Leben eigentlich immer so verstanden und konnte nie etwas damit anfangen, wenn man sagt: «Das wichtigste im Leben ist Spass zu haben.» Der Mensch ist ein soziales Wesen und was zählt ist, ob es ihm gelingt, etwas für die Gesellschaft zu machen.

«Geboren am…»

Bilderrahmen mit drei Ereignissen: Flugzeug, Unruhen, ein Mann mit Armbrust

SRF

In der Sommerserie «Geboren am…» erzählen wir Geschichten von Menschen, die eines verbindet: Sie kamen am gleichen Tag auf die Welt. Jede Folge zeigt drei Lebenswege, die unterschiedlicher nicht sein könnten. «Geboren am ...»:

Sendungshinweis

Die zweite Folge von «Geboren am…» mit Moritz Leuenberger wird am Mittwoch, 12. Juli 2017, 20:05 Uhr auf SRF1 gezeigt.

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