Staatsproblem «Familienmodell»?

  • Dienstag, 12. Juli 2016, 9:02 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Dienstag, 12. Juli 2016, 9:02 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
  • Wiederholung:
    • Dienstag, 12. Juli 2016, 18:03 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

«Mama-Papa-Kind» hat als familiäres Leitmodell ausgedient. Angesagt ist Vielfalt in den Beziehungsformen. Doch Chancengleichheit und Gerechtigkeit für alle herzustellen erweist sich rechtlich als beinahe unlösbares Problem.

Seit den 50er-Jahren hat sich die Ehe als Leitmodell und als Grundlage für «die Familie» massiv verändert:
Verschiedene grosse Gesetzesrevisionen z.B. im Eherecht, Adoptionsrecht und Scheidungsrecht haben versucht, das Zivilgesetz von 1907 den neuen Realitäten anzupassen.

Doch diese Revisionen sind schon wieder überholt, die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Paare, die Möglichkeit von Leihmutterschaft und In-Vitro-Fertilisation bringen neue Möglichkeiten für «Familienbildungen» ins Spiel. Kann das Recht bei zunehmendem Individualismus noch für Gerechtigkeit sorgen? Oder droht uns ein zivilrechtlicher «Verkehrskollaps»?

Darüber unterhält sich Maya Brändli mit David Rüetschi, Leiter Zivilrecht im Bundesamt für Justiz.

Beiträge

  • Hartnäckiges Idealbild: Vater, Mutter, Kind.

    Familie ist nicht gleich Familie

    Gibt es sie überhaupt noch, «die Familie»? Ja: Allen Unkenrufen zum Trotz ist sie noch immer das Lebensmodell erster Wahl – allerdings in unterschiedlichen Ausprägungen. Das zeigt eine Langzeitstudie des Genfer Soziologen Eric Widmer.

    Er konnte die untersuchten Familien in fünf Modelle einteilen, die sich hinsichtlich Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie in ihrer Kontaktfreudigkeit zur Aussenwelt stark unterscheiden.

    Doch wie den verschiedenen Familien-Modellen gerecht werden angesichts der politischen Unlust, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen?

    Pascal Biber

  • Wer darf heiraten? Die Realität überholt das Eherecht.

    Gesellschaft auf der Überholspur

    Als sowohl der Nationalrat wie der Ständerat 1907 einstimmig das eidgenössische Zivilgesetzbuch verabschiedeten, herrschte in Sachen «Familienmodell» weitgehend ein Konsens: Die Ehe war da, um Kinder zu gebären, der Mann war das Haupt der Gemeinschaft.

    Dieser gesellschaftliche Konsens begann in den 1950er-Jahren zu bröckeln. Grosse Revisionen am Zivilrecht, Scheidungsrecht, Eherecht und Adoptionsrecht waren nötig. Doch als die endlich fertig waren, hatte die Realität das Recht schon wieder überholt. Wie weiter?

    Ein Gespräch mit David Rüetschi, Leiter Zivilrecht im Bundesamt für Justiz.

    Maya Brändli

  • Ein wichtiges Ritual im kirchlichen Wertekanon: Die Taufe.

    Kirche: Nein danke – Religion: Ja bitte?

    Längst vorbei sind die Zeiten, als die Kirche bestimmte, wie eine Ehe, wie eine Familie zu sein hatte. Doch wer daraus schliesst, damit sei die Religion aus dem Spiel, irrt.

    Erstaunliche 39% aller Schweizer und Schweizerinnen sagen, «religiöse Werte» bei der Paarsuche und Kindererziehung seien für sie von grosser Wichtigkeit. Nur 11 % Prozent meinen dabei «kirchliche» Werte.

    Die übrigen beziehen ihren Wertekanon freestylemässig aus Freikirchen, Islam und Esoterik. Das macht die Aufgabe des Rechts, Gerechtigkeit für möglichst viele herzustellen, nicht einfacher.

    Deborah Sutter

  • Das Zivilrecht muss sich sgesellschaftlichem Wandel anpassen.

    Verkehrskollaps in Sachen Zivilrecht?

    Kein Leitmodell mehr, dafür mehr Freiheit und mehr Gleichberechtigung. Keine kirchlichen Normen, dafür viel Freestyle-Religiosität. Wo früher die Wissenschaft und der Bundesrat «Recht» schufen, kommen die Vorstösse heute vor allem aus dem Parlament.

    So bunt, wie dessen Zusammensetzung, so vielfältig sind die Anliegen an ein Zivilgesetz: Sind diese Anliegen in einem Zivilgesetz noch unterzubringen? «Ja, aber...» – meint David Rüetschi, Leiter Zivilrecht im Bundesamt für Justiz.

    Maya Brändli

Autor/in: Maya Brändli, Pascal Biber, Deborah Sutter, Moderation: Monika Schärer, Redaktion: Ellinor Landmann