Versorgt und fürs Leben gezeichnet

  • Dienstag, 16. Februar 2016, 9:02 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Dienstag, 16. Februar 2016, 9:02 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
  • Wiederholung:
    • Dienstag, 16. Februar 2016, 18:03 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Ausgehend vom Film «Lina» zeigt «Kontext» ein Stück Sozialgeschichte der Schweiz auf, in der im 20. Jahrhundert gesellschaftliche Konformität, Disziplin und patriarchale Machtausübung stärker gewichtet wurden als individuelle Selbstbestimmung.

Der Film «Lina» erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die tut, was ihr in der ländlichen Schweiz in den 1960er-Jahren nicht zugestanden wird: Sie bietet Männern Paroli und bestimmt selbst, wen sie liebt. Doch dafür bezahlt sie einen hohen Preis. Sie wird als «Luder» abgestempelt, in eine «Anstalt» eingewiesen und landet im Gefängnis.

Über 50 000 Menschen haben im 20. Jahrhundert ein ähnliches Schicksal erlebt. Sie wurden gegen ihren Willen, ohne richterliches Urteil und ohne Rekursmöglichkeit «versorgt» . Heute muss sich die Politik mit den Opfern der administrativen Versorgung befassen.

Beiträge

  • Linas Eltern werden von der Sozialbehörde dazu angehalten, ihre Tochter zur Nacherziehung in ein Heim zu geben

    «Lina» - das Drama einer administrativ verwahrten jungen Frau

    An den Solothurner Filmtagen im Januar hat die SRF Schweizer Filmproduktion «Lina» den Publikumspreis gewonnen.

    Der Film erzählt, wie die erst 1981 abgeschaffte «adminstrative Verwahrung» Leben zerstört hat - insbesondere das der 17jährigen Titelfigur Lina Trachsel.

    Filmredaktor Michael Sennhauser stellt uns den Film vor, der am 21. Februar um 20.05 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt wird.

    Michael Sennhauser

  • «Cabinet des Dr. Caligari»: Im Kino waren Psychiatrien und andere geschlossene Anstalten schon früh Thema.

    Die Anstalt im Kino: Von Dr. Caligari zu «Shutter Island»

    Das Wegsperren der Anderen, das Einsperren jener, welche die «normale» Gesellschaft als gefährlich empfindet, gehört zu den ältesten Motiven des Kinos.

    Ein Trip durch psychiatrische und andere geschlossene Anstalten im Kino, vom «Cabinet des Dr. Caligari» über Hitchcocks «Psycho», Jack Nicholson in «One Flew Over The Cuckoos Nest» bis «Girl Interrupted» mit Winona Ryder und Angelina Jolie oder «Shutter Island» mit Leonardo di Caprio.

    Michael Sennhauser

  • Die Festnahme von Lina ist der Anfang einer lebenslangen Tortur.

    Jahrelang versklavt

    Einen besonders schockierenden Fall einer Verwahrung hat die Zürcher Journalistin und Biografikerin Lisbeth Herger recherchiert.

    Es geht um Lina Zingg, die mit achtzehn Jahren mit einer fadenscheinigen Diagnose in die Psychiatrie eingewiesen wird, man erklärt sie für schwachsinnig und schizophren; und sie kommt in eine Pflegefamilie, in der sie zuerst sexuell ausgebeutet wird, später dann hält sie die reichgewordene Hausherrin wie eine Sklavin - 50 Jahre lang, ohne, dass irgendeine Behörde eingeschritten wäre.

    Christoph Keller

  • 2014 hat das Parlament nach langem Ringen entschieden, das düstere Kapitel der Zwangsversorgung aufzuarbeiten.

    Die «Anstaltsversorgung» als Mittel der Disziplinierung

    Die frühere Bundesrätin Eveline Widmer Schlumpf (BDP) und die Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP) haben in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass die Anliegen der Menschen ernst genommen werden, die in der Schweiz Opfer einer administrativen Zwangsversorgung geworden waren.

    Im Zug dieses Engagements hat das Parlament überdies 2014 beschlossen, dieses bedrückende Kapitel der Schweizer Sozialgeschichte aufzuarbeiten. Kontext spricht mit dem Historiker Urs Germann über den Stand der Erkenntnisse.

    Sabine Bitter

Autor/in: Sabine Bitter, Christoph Keller, Michael Sennhauser, Moderation: Bernard Senn, Redaktion: Stefanie Müller-Frank