Der Erfinder von Müslüm

Mit Witz und schrulligen Charme hat Müslüm die Schweiz erobert. Seine in einen Popsong gegossene Zeile «Lass la bambele» ist eine Gebrauchsanleitung für das Leben. Semih Yavsaner, der Mann hinter der Kunstfigur, über Drogen, Liebe und den Start von «Müslüm Television».

Müslüm liegt auf TV

Bildlegende: Neues von Müslüm: Seine Songs sind auf Youtube millionenfach geklickt worden. Nun macht er Fernsehen, aber anders! SRF

Die Kunst war nicht dein alleiniges Ziel. Du hast davon geträumt, Fussballprofi zu werden.

Ich wäre es auch beinahe geworden. Habe bis als 18-Jähriger bei YB gespielt. Dann sind andere Dinge dazwischen gekommen. Ich ging aus, interessierte mich für Frauen. Ein Cousin von mir, Gürkan Sermeter, ist aber damals (Anfang der 1990er Jahre) tatsächlich Fussball-Profi geworden.

Als Kind warst du ein Querkopf. Du musstest fünf Mal die Primarschule wechseln, weil du den Unterricht gestört hast. Du hast Geschichten erzählt, während der Lehrer unterrichten wollte.

Ja, das tut mir leid für meine Eltern. Die mussten da eine schwere Zeit durchmachen.

Semih Yavsaner findet den Rank doch noch. Er absolviert die obligatorische Schulzeit, absolviert aber keine Lehre, dafür später die Handelsschule. Mit verschiedenen Jobs hält er sich über Wasser. Er arbeitet im Call-Center, in der Beiz, als Informatiker, als Pizzaiolo.

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Komm in meine Armee!

0:22 min, vom 17.3.2016

Warum bist du nicht wie andere abgestürzt?

Schon seit früher Jugend bin ich mit Leuten „ume-ghängt“, die Drogen nahmen. Sie rauchten Folie, nahmen Heroin. Es waren Ausländer und Schweizer. Einige sind mittlerweile tot. Gemeinsam war uns, dass die Eltern nie viel Zeit für uns hatten. Trotzdem habe ich selbst nie gekifft oder andere Drogen genommen.

Warum?

Mein Vater hat mir immer gesagt, wie gefährlich das sei. Ich hatte zuviel Respekt. Mittlerweile weiss ich: Das Leben selbst ist eine Droge.

Es ist ein weiter Weg vom Gastarbeiterkind zur räsonierenden Kunstfigur Müslüm.

Oft hiess es: Das Gastarbeiterkind, was hat das im Grind? Ein Gastarbeiterkind geht nicht ins Theater, zu Hause wird nicht gelesen. Dafür war für mich als junger Erwachsener dann Geld sehr wichtig. Ich war besessen von Geld. Das war die Ausgangslage. Davon musste ich mich emanzipieren.

Entstanden ist die Figur Müslüm 2009. Wie kam es dazu?

Das hatte damit zu tun, dass ich da Vater wurde und mich neu erfinden wollte. Mir war nicht sofort klar, dass Müslüm so einschlagen könnte.

Die zentrale Botschaft deiner Figur Müslüm ist die Liebe. Ist das in der heutigen ironischen Zeit nicht antizyklisch?

Ich bin nicht darauf gekommen. Die Liebe ist zu mir gekommen. Ich möchte einfach, dass sich all die Leute, die am Abend nur noch auf ihren Smartphones herumdrücken, sich wieder mehr damit beschäftigen, was wirklich zählt: mit den Menschen.

Du weisst wie`s ist, wenn man kein Geld hat. Trotzdem lehnst du Werbeverträge ab. Warum?

Wenn sich ein Künstler in Abhängigkeit zu einem Unternehmen begibt, dann verwässert das die künstlerische Kraft. Ich möchte das nicht. Ich will mich aus dem Fenster lehnen.

Freust du dich auf die Erstausstrahlung von «Müslüm Television»?

Ich finde es schön, dass SRF das wagt. Ich habe aber keine Erwartungen, weil es eine neue Art von Unterhaltung ist. Es ist weder ein Pointen-Festival noch arbeite ich das politische Tagesgeschäft ab. Alle reden davon, ich sei die neue Lebensversicherung von SRF. Man vergleicht mich mit Giacobbo / Müller. Das ist doch ein Witz?

Die Fragen stellte «Focus»-Moderator Hannes Hug.

«Müslüm Television»

Müslüm in gelbem Anzug.

SRF

Müslüm TV kommt wieder! Vom 28. Oktober bis 18. November 2016 gibt es immer freitags um 23:45 Uhr neue Folgen auf SRF 1. Online sind sie jeweils bereits ab Donnerstag 12 Uhr zu sehen. Mitreden unter #müslümtv!

Semih Yavsaner, Gastarbeiterkind, geb. 1979 in Bern. Er macht keine Lehre, dafür später die Handelsschule. Er rappt. Er hält sich mit Jobs über Wasser: im Call-Center, in der Beiz, als Informatiker, als Pizzaiolo. Beim Berner Radio RaBe erfindet er die Kunstfigur Müslüm. Heute sind seine Songs auf Youtube schon millionenfach angeklickt worden.

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