«Ungelöste Gewaltdelikte müssten immer aufgeklärt werden»

Morde bewegen die Öffentlichkeit und belasten die Angehörigen. Politiker fordern deshalb, dass sie unverjährbar werden. Der «Club» befasst sich mit dem Thema. Der Bruder eines Mordopfers erklärt seine Sicht im Interview.

Warum wollen Sie, dass Mord weiterhin nach 30 Jahren verjährt?

Als Direktbetroffener steht für mich nach 43 Jahren noch immer die Aufklärung der Umstände im Vordergrund und ganz klar nicht mehr die Bestrafung. Nach der heutigen Verjährungsregelung bietet sich immerhin die kleine Chance, dass sich Täter für ihre Tat bekennen, weil sie mit keinen strafrechtlichen Konsequenzen rechnen müssen.

Was kritisieren Sie an der heutigen Verjährungsfrist?

Mit der Verjährung werden auch die Ermittlungen eingestellt und gegebenenfalls auch das Beweismaterial vernichtet. Diese Kopplung mit der Bestrafungsfreiheit ist falsch. Ungelöste, schwere Gewaltdelikte müssten mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln aufgeklärt werden, unabhängig von Verjährungsfristen. Wie das Lösen von Delikten nach der Verjährung zu kommunizieren wäre, müsste klar geregelt werden.

Was halten Sie von einer allfälligen Verlängerung der Verjährungsfrist?

Eine Verlängerung würde der heute längeren Lebenserwartung Rechnung tragen und wäre auf den ersten Blick logisch. Je später aber eine Verurteilung nach der Tat erfolgt, desto grösser könnten unerwünschte Effekte sein. Insbesondere könnte es für das Umfeld des Täters enorme Konsequenzen haben. Allfällige Kinder und PartnerInnen würden gesellschaftlich und eventuell auch materiell massiv leiden, ohne eine Mitschuld zu tragen.

Sie haben Ihren Bruder 1973 durch Mord verloren. Die Tat ist bis heute nicht geklärt. Welcher Wunsch bleibt nach über 40 Jahren als Bruder noch übrig?

Die wichtigen Fragen, die bei solchen Delikten immer im Vordergrund stehen sind wie, wo und warum? Glücklicherweise wurde mein Bruder rasch gefunden und wir konnten immerhin Abschied nehmen. Das Motiv und der Tatort sind offiziell nicht bekannt. Heute nach den Recherchen zum Buch «Beat Gyger, eine Spurensuche» wissen wir mit grosser Wahrscheinlichkeit, wo der Tatort liegt und wer beteiligt war. Mir würde heute eine Entschuldigung und eine Beschreibung der Deliktes aus Sicht eines Täters genügen um die Sache abzuschliessen.

Bernhard Gyger:

Der 53-jährige Bernhard Gyger war 12 Jahre alt, als sein Bruder auf brutale Art ermordet wurde. Er sagt heute, dass er damals «aus einer unbeschwerten Jugend gerissen wurde und von einem Tag zum andern erwachsen sein musste». Bernhard Gyger, der verheiratet ist und zwei erwachsene Kinder hat, lebt mit seiner Familie in Thun.

Programmhinweis

Der heutige «Club» beschäftigt sich mit dem Thema «Verjährung von Mord». Die Sendung wird um 22:20 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt.

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