Der Frauenstreik vom 14. Juni 1991 war eine Sensation, die es bis auf die Titelseiten der Frankfurter «Rundschau» und der spanischen Tageszeitung «El Pais» schaffte. Das Ausland kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, hinkte doch die Schweiz im europäischen Vergleich punkto Gleichstellung schwer hinterher.

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Vor 28 Jahren: der grosse Schweizer Frauenstreik 1991
Aus Kultur-Aktualität vom 13.06.2019

Gerade erst hatte man über das Land der Eidgenossen noch gespottet, als der Kanton Appenzell Innerrhoden 1990 trotz des Gleichstellungsartikels in der Verfassung dazu gezwungen werden musste, die Frauen abstimmen und wählen zu lassen.

Kampf um gleiche Rechte

Doch nicht nur die politische, auch die ökonomische Gleichstellung kam kaum voran. Frauen verdienten bedeutend weniger als Männer. Brachten sie ein Kind zur Welt, mussten sie unbezahlte Ferien nehmen. Wenn sie sich scheiden liessen, wurden sie arm, blieb die Pensionskasse doch beim Mann.

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Der Frauenstreik heute: Ein Gespräch mit der Politologin Sarah Bütikofer
Aus Kultur-Aktualität vom 13.06.2019

So war es nicht zufällig, dass die Idee für einen nationalen Frauenstreik von einer Frau kam, die wirtschaftlich untendurch musste: von der Uhrenarbeiterin Liliane Valceschini aus dem Vallée de Joux. Sie wollte auf Dauer nicht hinnehmen, dass sie weniger verdiente als ein Mann.

Lila Luftballons

An einem Abend habe sie sich mit zwei Arbeitskolleginnen besprochen. Dabei habe man es lustig gehabt und sich schliesslich mit der Idee an die Genfer Gewerkschafterin Christiane Brunner gewandt. Jetzt ging es voran: Am 14. Juni 1991 war es soweit.

Lila Luftballons, verschränkte Arme und demonstrative Sitzstreiks prägten das Bild auf Strassen und Plätzen, an vielen Orten wurde der Verkehr blockiert. Eine Performance mit Transparenten und Megaphonen, mit Kinderwagen und Laufgittern.

Der Verkehr steht still: Streikende Frauen behindern in Bern die Zytglogge-Durchfahrt anlässlich des nationalen Frauenstreiks. Keystone / EDI ENGELER

Politischer Aufbruch

Tausende reisten nach Bern und protestierten vor dem Bundeshaus, den Streiksong von Vera Kaa im Ohr. Auch die Gewerkschafterin Christiane Brunner war vorne mit dabei.

Der Streik 1991 war ein politischer Aufbruch für die Frauen, wie ihn das Land noch nie gesehen hatte. Doch bei vielen Arbeitgebern blieben die Löhne unverhandelbar. Und bald wurden die Frauen vom alltäglichen Sexismus eingeholt. In jenem Moment, als Christiane Brunner im März 1993 als Kandidatin für die Bundesratswahl antrat.

Helvetiaplatz 1991 – streikende Frauen, lila Luftballons und eine Forderung: der Gleichstellungsartikel sollte endlich umgesetzt werden. Keystone / WALTER BIERI

Da schlugen ihre politischen Gegner unter der Gürtellinie zu: Mit dem Aussehen einer Serviertochter hätte sie das Zeug zur Landesmutter nicht, hiess es. An ihrer Stelle wurde mit Francis Matthey ein sozialdemokratischer Mann gewählt.

Dies führte gleich noch einmal zu einem manifesten Frauenprotest in Bundesbern. Der Gewählte nahm die Wahl nicht an und machte schliesslich Ruth Dreifuss Platz.

Frauen im Parlament

Im Nachgang dazu – man sprach vom Brunner-Effekt – zogen vermehrt Frauen in Parlamente und Regierungen ein und setzten ihre Themen auf die politische Agenda. So kam es im Jahr 2000 zu einem neuen Scheidungsrecht und zwei Jahre später zu einem straffreien Schwangerschaftsabbruch.

Es folgten eine Mutterschaftsversicherung und ein Förderprogramm des Bundes für mehr Kinderkrippen. Der Frauenstreik 1991 und der solidarische Protest bei der Nichtwahl einer Bundesrats-Kandidatin trugen damit massgeblich zu einer Besserstellung der Frauen im Land bei.

Der Unterschied zwischen Mann und Frau
01:44 min, aus SRF News vom 14.06.2019

Die aktuelle Situation der Frauen in der Schweiz

In der Wirtschaft

  • Frauen sind in allen relevanten Entscheidungsgremien untervertreten. An der Spitze der Unternehmen sind immer noch 91 Prozent Männer. (Quelle)
  • Laut dem Global Wealth Report der Credit Suisse arbeiten Frauen in der Regel in Sektoren mit geringerem Einkommen und arbeiten häufiger Teilzeit, was negative Auswirkungen auf den Vermögensaufbau und die Rente hat. Frauen sind immer noch armutsgefährdeter als Männer.
  • Noch immer liegt die Hauptverantwortung für Hausarbeit, Kinderbetreuung und -erziehung in den meisten Haushalten bei den Frauen. Diese Arbeit wird nicht bezahlt und in der Gesellschaft oft als nicht gleichwertig wie die Lohnarbeit angesehen.
  • In vier Fünfteln der Haushalte mit Kindern unter 13 bleibt hauptsächlich die Frau zuhause, wenn eines krank ist. Auch die Kinder zur Schule oder zu Freizeitaktivitäten zu bringen, ist in den meisten Fällen Aufgabe der Mütter. (Quelle: BFS)

    In der Politik

  • Frauen sind in politischen Ämtern untervertreten. Im Nationalrat sind 32 Prozent Frauen, im Ständerat 15.2 Prozent. Auf kantonaler Ebene sieht es ähnlich aus: In den kantonalen Regierungen sind 24 Prozent Frauen, in den kantonalen Parlamenten sind es 27.9 Prozent.

    Gewalt gegen Frauen

  • 2016 waren 73 Prozent der 10‘040 von häuslicher Gewalt geschädigten Personen Frauen. Als häusliche Gewalt gelten unter anderem Tätlichkeiten und Vergewaltigungen.
  • Pro Monat werden durchschnittlich zwei Frauen durch häusliche Gewalt getötet.
  • Viele Formen sexueller Belästigung sind weit verbreitet. 59 Prozent aller Frauen in der Schweiz wurden bereits unerwünscht berührt, umarmt oder geküsst.

Die Zahlen stammen vom Bundesamt für Statistik.

mata/kal