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Abgang einer Reizfigur Chris Dercon verlässt die Volksbühne

Chris Dercon räumt seinen Chefsessel an der Berliner Volksbühne. Er hatte nie eine echte Chance, sagt SRF-Theaterexpertin Dagmar Walser.

Ein bärtiger Mann mit weissem Haar spricht in ein Mikrofon.
Legende: Schon seine Ernennung entzweite die Kulturwelt – jetzt verlässt Chris Dercon die Volksbühne. Keystone

Chris Dercon und die Berliner Volksbühne: Das war in den letzten drei Jahren eines der grossen Theater-Theater, welche die Gemüter weit über Berlin hinaus erhitzten.

Nun tritt Chris Dercon als Direktor der Berliner Volksbühne zurück – per sofort. Man habe einsehen müssen, «dass das Konzept von Chris Dercon nicht wie erhofft aufgegangen ist und die Volksbühne umgehend einen Neuanfang braucht», heisst es in einer Erklärung.

Arroganz und Distanz

Chris Dercon hatte in Berlin von Anfang an keine Chance, sagt SRF-Theaterexpertin Dagmar Walser. Der Belgier, der aus der internationalen bildenden Kunst kam und vorher die Tate in London geleitet hatte, habe aber auch Fehler gemacht. Er sei zu spät auf die Berliner Szene zugegangen. Er habe sich arrogant verhalten.

«Als seine erste Spielzeit letzten September dann tatsächlich losging, konnte er nicht mit einem Programm auftrumpfen, dass Kritiker und Publikum von seiner Vision überzeugt hätte», so Walser.

Eventbude statt Ensembletheater

Dercon schlug seit seiner Berufung massive Kritik aus der Berliner Kulturszene entgegen. Man warf dem Nachfolger des legendären Frank Castorf vor, er wolle das Ensembletheater zerstören und aus dem Haus eine Eventbude machen.

«Diese Begriffe zeigen schon, auf welchem Niveau die Diskussion zum Teil geführt wurde», sagt Dagmar Walser. «Da ging es um Besitzstandswahrung. Um unterschiedliche Vorstellungen, was und für wen die Volksbühne sein soll und kann. Und letztlich auch um Ideologie.»

Wie weiter?

Ob mit Dercons Abgang Ruhe an der Volksbühne einkehrt, steht in den Sternen. «Im besten Fall schafft er Zeit und auch Distanz, um über die Zukunft des Hauses nachzudenken», meint SRF-Theaterexpertin Dagmar Walser.

Vorerst soll der neue Volksbühne-Geschäftführer Klaus Dörr das Haus interimistisch führen. Mit Armin Petras und Matthias Lilienthal kursieren aber bereits die ersten Namen möglicher Dercon-Nachfolger in Berlin.

Die Stadt wäre gut beraten, sich in Ruhe zu überlegen, was die Berliner Theaterlandschaft brauche, sagt Dagmar Walser. Und das sei erst mal eine nüchterne Standortbestimmung.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 13.4.2018, 17:10 Uhr