Audiotouren im Theater: Im Ohr die Fiktion

Man kennt sie aus Museen und von Stadtrundgängen: Audiotouren, bei denen einen eine Stimme über Kopfhörer herumführt und informiert. Audiotouren haben derzeit aber auch im Theater Konjunktur.

Frau mit Kopfhörern schaut über die Stadt.

Bildlegende: Stefan Kaegi inszeniert mit «Remote Basel» eine Schnitzeljagd durch die Stadt. Tobias Brenk

Zürich, Kreis fünf: Ich sitze in einem Innenhof und bekomme einen Kopfhörer ausgehändigt. Eine weibliche Stimme begrüsst mich, erzählt mir, dass ich heute Morgen im Hotel Marriott gegenüber aufgewacht sei, dass mir ein Rendezvous geplatzt sei und ich deshalb Zeit habe. Sie fordert mich auf, den Innenhof zu verlassen, auf die Strasse hinauszutreten, Richtung Hauptbahnhof.

Die nächste Stunde begleitet mich diese Stimme, sie leitet mich durch die Stadt. Sie lenkt meinen Blick, sie erzählt mir Geschichten und von Geschehnissen, die quer stehen zu meinen eigenen Beobachtungen. Sie eröffnet mir Phantasieräume.

Die Stadt als Bühnenbild

Mikeska lehnt an einer Mauer.

Bildlegende: Bernhard Mikeska hat mit «Departure: Zürich HB» eine Audiotour geschaffen. Heinz Holzmann

«Departure: Zürich HB» ist das neuste Theaterprojekt von Bernhard Mikeska und mit ihm startet am Mittwoch die Spielzeit der Gessnerallee Zürich. Mikeska verwebt in seinem Stück die Geschichte(n) aus dem Filmessay «La Jetée» von Chris Marker aus den Jahr 1963 mit dem hektischen Alltag des Hauptbahnhofs.

Der Bahnhof habe ihn interessiert als ein Ort der Möglichkeiten: «Der Bahnhof ist ein Ort voller flüchtiger Begegnungen, an dem sich jeden Tag tausende von Geschichten treffen». In seinem Audiowalk nimmt Bernhard Mikeska diese Geschichtssplitter als Folie für eine weitere Story, in der er eine Frau und einen Mann aufeinandertreffen lässt. Beide sind Zuschauer, die am Anfang der Tour nichts voneinander wissen.

Beobachtend zur Protagonistin werden

Mit klassischem Theater hat dieses Projekt, zumindest auf den ersten Blick, nicht mehr viel zu tun. Bernhard Mikeska vergleicht es mit einem Computerspiel: «Als Zuschauer begibt man sich in einen Avatar hinein und der gibt vor, was man macht, man begegnet aber auch anderen Figuren. Man bekommt eine zweite Identität, die sich über die eigene legt».

Andererseits hat das Format dennoch viel mit Theater zu tun. Es geht um Einfühlung, Geschichten, den Grat zwischen Realität und Fiktion. Und nicht von ungefähr sind es derzeit vor allem Künstlerinnen und Künstler aus dem Theaterbereich, die sich für Audiowalks interessieren – und damit dem Publikum fiktive Erfahrungswelten öffnen.

Ferngeleitet: Eine fiktive Schnitzeljagd

Auch Stefan Kägi von «Rimini-Protokoll» ist schon länger unterwegs als Erneuerer von Theaterformen, die die klassischen Grenzziehungen zwischen Bühne und Publikum, zwischen Realität und Fiktion immer wieder neu vermessen. Nach Berlin, Lissabon, Avignon, Hannover und Zürich hat er seinen Audiowalk «Remote X» nun für Basel adaptiert. «Remote Basel» der Kaserne Basel ist eine fiktive Schnitzeljagd durch die Stadt, für eine Gruppe von 50 Personen mit Kopfhörern.

Ein Publikumsraum setzt sich in Bewegung und sucht sich laufend neue Bühnenbilder im öffentlichen Raum – in Spitälern, Kirchen, auf Sportplätzen. Wenn im konventionellen Theater bei Gastspielen das ganze Bühnenbild samt Technik und Schauspieler tourt, geht hier eine Idee auf Tour. Als nächste Stationen stehen Wien, São Paulo und Bangalore schon fest.

Die Stimme im Ohr

Julia, die künstliche Stimme, die das Publikum bei «Remote Basel» durch die Stadt führt, wurde aus 2500 Stunden Stimmmaterial generiert. Die hörbare Künstlichkeit lässt sie einem, anders als die namenlose Stimme bei «Departure: Zürich HB», nie richtig nahe kommen. Im Gegenteil, sie nervt manchmal in ihrer Dienstbeflissenheit und stellt gerade dadurch ganz grundsätzliche Fragen nach dem Menschlichen oder eben dem Künstlichen in unserem Leben.

Julia spricht das Publikum als Horde an, als Verbündete in einem gemeinsamen Projekt. Dadurch wird für den einzelnen nicht nur die Stadt, sondern auch das eigene Gruppenverhalten beobachtbar.

Die Kunst des Zuschauens

Wenn Stefan Kägi über «Remote X» spricht, spricht er von Theater: «Mit dieser Audiotour beschäftige ich mich mit wesentlichen Fragen des Zuschauens. Ich schaffe kollektive Live-Erlebnisse für ein Publikum und das macht das Theater nicht unwesentlich aus». Und er fügt hinzu, dass sich bei solchen erweiterten Theaterformaten natürlich auch die Position und die Rolle des Zuschauers weiterentwickeln: «Der Zuschauer ist hier auch ein User, ein Spieler. Er ist Spaziergänger und wird teilweise sogar ein Darsteller, für die Leute, die zuschauen.»

Es ist nur nachvollziehbar, dass neue Theaterformate nicht nur einen neuen Blick auf die Realität verschaffen, sondern auch das klassische Vokabular durcheinanderbringen. Dem Theater zuliebe.

Aufführungen

  • «Departure: Zürich HB» von Bernhard Mikeska, ab 18.9. in der Gessnerallee Zürich (Für Anfang nächstes Jahr ist auch eine Basler Fassung geplant).
  • «Remote Basel» von Stefan Kägi, ab 18.9. in der Kaserne Basel.

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