Bunt wie seine Socken: in Bregenz geht die Ära Pountney zu Ende

11 Jahr lang bestimmte ein Engländer den Kurs der Bregenzer Festspiele: David Pountney. Sein eigenwilliger Kurs brachte den Festspielen anhaltenden Erfolg. Aber dem einen oder anderen im Leitungsgremium war er vielleicht doch zu risikofreudig. Sogar sein Abschied nahm noch eine burleske Wendung.

David Pountney sitzt in den grünen Schalenstühle der Seebühne, in blauem Anzug, einen Fuss mit roten Socken über die vordere Sitzreihe gelegt.

Bildlegende: Ein Regiestil wie seine Socken: farbig, plastisch und manchmal auch etwas schrill – David Pountney in Bregenz. Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Jahrelang war es in Bregenz ein beliebtes Ratespiel: Welche Socken wird Intendant David Pountney zur Premiere tragen? Der Engländer fiel gern mit seiner speziellen Garderobe auf. Dazu gehörten Socken mit extravagantem Farbmustern. In seinen persönlichen Accésoires spiegelte sich auch ein wenig Pountneys Regiestil: farbig, plastisch und manchmal auch etwas schrill. In seiner Zürcher Inszenierung von Händels Oper «Agrippina» etwa sang Kaiserin Agrippina eine Rachearie neben einem blutig-roten Kuhkadaver.

Weite Strecken rennen? Unbedingt!

Opernregisseur Pountney war stets entschlossen, der Bühne zu geben, was der Bühne gebührt – und als Intendant war er umso entschlossener, der Bühne in Bregenz zu geben, was ihr gebührt. Die Seebühne sah er nicht als «faute de mieux», sondern als eine echte Alternative zum traditionellen Opernhaus.

Mit seinem «Fliegenden Holländer» machte er gleich selbst vor, welche Art von Inszenierungen er sich wünschte: Sie sollten bewusst mit den Dimensionen der riesigen Bühne auf dem See arbeiten. Die Menschen auf der Bühne sollen weite Strecken gehen, rennen, taumeln müssen. Und neben den Hauptszenen sind Simultan-Szenen und spektakuläre Aktionen nicht nur möglich, sondern erwünscht! Wenn es denn im Dienst der Handlung und nicht Selbstzweck ist. Was allerdings nicht alle Regisseure gleich gut begriffen.

Raritäten und Wiederentdeckungen

Jedoch machte auch das Publikum nicht immer wie gewünscht mit: Verdis «Aida» (2009) und Mozarts «Zauberflöte» (2013) – geschenkt. Aber dazwischen 2011 der wenig bekannte «André Chénier» von Umberto Giordano: Da streikten manche, vor allem auch mache Busunternehmen, die sonst jedes Jahr Tausende von Besucher nach Bregenz bringen – sie boten das wenig bekannte Werk ihren Kunden gar nicht erst an. Umgekehrt aber auch der Marketing-Erfolg, als im Bond-Film «A Quantum of Solace» der Agent über die Bregenzer Seebühne spurtet und dabei das riesige Auge aus der «Tosca»-Inszenierung von 2007 erscheint.

David Pountney hat zwei Seelen in seiner Brust: Wenn er draussen auf der Seebühne für das Populäre sorgte, pflegte er drinnen im Festspielhaus das Elitäre. Und zwar mit einer Mischung von Raritäten und Wiederentdeckungen. Die vielleicht spektakulärste darunter war die KZ-Oper «Die Passagierin» des polnisch-russischen Komponisten Mieczeslaw Weinberg, dessen Musik seither eine erstaunliche Renaissance erlebt. Unter den schönsten, weil künstlerisch schlüssigen Erfolgen ist sicher auch «König Roger» von Karol Szymanowski in Poutneys eigener Inszenierung.

Eintauchen in das Werk von HK Gruber

Albert Pasendorfer und Angelika Kirchschlager stehen in Badekleidung auf der Bühne, neben ihnen Strandtuch und Badetasche.

Bildlegende: Ob sie irgendwann auch ins Wasser springen? Aus einer Probe von HK Grubers «Geschichten aus dem Wiener Wald». Keystone

Dazu kamen dann die Uraufführungen. Pountney hatte eine Reihe von Kompositionsaufträgen an österreichische Komponisten initiiert. Sie hatten in seiner Programmierung sowieso immer einen favorisierten Platz – mussten ihn bei einem österreichischen Festival wohl haben. Zur Aufführung kamen so grössere Werke von Ernst Krenek, Olga Neuwirth oder – unter den eigentlichen Uraufführungen – von Detlev Glanert, HK Gruber und vom gebürtigen Bregenzer Richard Dünser.

Entscheidend war allerdings, dass Pountney diese Werke immer in einen grösseren zeitgeschichtlichen oder musikalischen Kontext stellte. So etwa dieses Jahr, bei der Uraufführung der «Geschichten aus dem Wiener Wald» von HK Gruber, mit einem ganzen HK Gruber-Wochenende. Da kann man in das bunte Werk des Wiener Komponisten-Chansoniers eintauchen – und danach vielleicht bei gutem Wetter auch noch in den Bodensee.

Auch kein gewöhnliches Ende

David Pountney – der Vielbelesene, Mehrsprachige, nach allen Seiten Offene – er war auch Engländer genug, um in Bregenz für mancherlei Angelsächsisches zu sorgen: Musik von Benjamin Britten (natürlich!), neue Werke von Judith Weir und Harrison Birtwistle, die Fussball-Oper «Playing away» von Benedict Mason. Dies ganz nach Pountneys Bekenntnis, dass Festspiele immer ein besonderes, ja extremes Programm zu bieten hätten, wenn sie denn wirklich Festspiele sein wollen.

Vielleicht wurde diese Ausrichtung jedoch dem einen und andern im Leitungsgremium der Bregenzer Festspiele allmählich doch zu risikoreich. Auf jeden Fall kam es 2012 zu einer Beendigung des Arbeitsverhältnisses mit dem eigenwilligen Intendanten. Doch die Geschichte nahm noch eine burleske Wendung. Da sich die Leitung mit dem designierten Nachfolger nicht einigen konnte, wurde schliesslich für zwei Jahre zu Pountneys Nachfolger ernannt: Pountney selber. Bald aber ist Schluss; ab 2015 übernimmt Elisabeth Sobotka seinen Posten.

Zum Abschied von David Pountney haben die Bregenzer Festspiele einen inhaltsreichen Bild- und Textband veröffentlicht: «Der fliegende Engländer – Die Bregenzer Festspiele und ihr Intendant David Pountney von 2004 bis 2014». Auf dem Umschlag: Ein paar knallrote Hosenträger mit dem Monogramm «dp».

David Pountney

Geboren 1947, trat er international zunächst mit Inszenierungen zeitgenössischer Werke hervor, ferner mit Inszenierungen von Opern Janáčeks und Verdis. Neben der Intendanz in Bregenz inszenierte er u.a. an der Wiener Staatsoper, dem Opernhaus Zürich und der Bayerischen Staatsoper. Pountney wurde inzwischen Intendant der Welsh Opera in Cardiff.

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