Das «Theater Marie» und das Schicksal eines Vorort-Programmkinos

Das Aarauer «Theater Marie» hat seit letzten Herbst eine neue Leitung: Vier junge Männer haben das Kantonstheater ohne festen Spielort übernommen. Ihr langjähriger Proberaum in Suhr, das ehemalige «Kino Central», kommt nun in der ersten Produktion zu einer späten Hommage.

Photo aus der Probe der Produktion "Kino Marie": zwei Männer sitzen auf roten Kinosesseln und betrachten ein älteres Bild einer Kundin an der Kinokasse.

Bildlegende: Die Produktion «Kino Marie» wirft nicht zuletzt einen Blick auf die guten alten Zeiten des Kinos. Andreas Zimmermann

Den unscheinbaren Wohnblock mit den rostroten Balkonen am Dorfrand von Suhr würde man schlicht übersehen, trüge er nicht den mit Neonröhren versehenen Schriftzug KINO. Er verweist auf das ehemalige Kino Central im Untergeschoss des Gebäudes.

Genauso wie der Schriftzug ist das Interieur des Kinos erhalten geblieben: Rechts vom Eingang thront hinter einer riesigen Glasscheibe das einstige Kassahäuschen, von da geht es ins Foyer mit einer kleinen schicken Bar. Der Kinosaal selbst verfügt über knapp hundert Plätze. Die Sitze sind mit orangem Plüsch bezogen, ausladend breit und in einer Weise bequem, wie es heutzutage nur noch Flugzeugsessel der First Class sind.

Die Fassade des ehemaligen "Kino Central", ein unscheinbarer Wohnblock in Suhr.

Bildlegende: Das höchst unscheinbare Äussere des ehemaligen «Kino Central» in Suhr. Bähram Alagheband / Regionaljournal Aarau

Den Raum zum Thema machen

Und nun erlebt dieses Kino eine ungeahnte Renaissance dank der neuen Leitung des des «Theater Marie». Vier Theatermänner bilden seit Herbst 2012 das neue Leitungsteam: der Regisseur Olivier Bachmann und sein Bruder, der Dramaturg Patric Bachmann, sowie der Musiker Pascal Nater und der Szenograf Erik Noorlander.

Vom Charme des ehemaligen Kinos hingerissen, haben sie den nostalgischen Ort und langjährigen Proberaum zum Anlass für ihre erste Theaterproduktion genommen.

Sie begannen mit der Ausgangsfrage, was dieser 1957 eröffnete Kinoraum zu erzählen hat. Dann folgten umfangreiche Recherchen mit Zeitzeugen und ein ausführliches Stöbern im Filmmaterial der 1950er-Jahre. Dazu kamen die persönlichen Geschichten der Schauspielerinnen und Schauspieler, die über ihre Erfahrungen mit dem den beiden Medien Kino und Theater berichteten und so Einfluss auf die Entwicklung des Theaterabends genommen haben.

Eine Zeit, als das Rauchen im Kino dazu gehörte

Nicht zuletzt verhandelt das so entstandene Stück «Kino Marie», das sowohl eine Hommage an den ausrangierten Kinosaal von Suhr wie auch an das Kino schlechthin ist, ein Stück Schweizer Geschichte: Es ist eine Zeit des Aufbruchs. Eine Zeit, als das Rauchen zum Kinobesuch gehörte. Und auch eine Zeit der ernst blickenden Wissenschaftler, die sich in endlosen TV-Diskussionen beispielsweise über die Aufklärungsfunktion des Films in der Gesellschaft ausgelassen haben. Oder als die Erhöhung des Kinopreises in Birsfelden zu einem öffentlichen Boykott ausartete.

Wie geschaffen für Innovationsgeist

Im Projekt «Kino Marie» wird über das Schicksal eines Vorort-Programmkinos berichtet und nicht zuletzt die Frage aufgeworfen, ob das Theater das Kino der Zukunft sein wird. Damit will das neue Leitungsteam dem Theater Marie eine neue Ausrichtung geben.

Denn das seit 30 Jahren bestehende Kantonstheater mit Tourneeauftrag stellt mit seinem Profil eine Seltenheit in der Schweizer Theaterlandschaft dar. Und ist damit wie geschaffen für den Innovationsgeist junger Theaterschaffender: «Wir haben alle Freiheiten einer freien Gruppe», sagt Regisseur Olivier Bachmann, «und dabei die strukturelle Sicherheit, wie sie uns nur eine Institution bietet».