Der Rasende und die Witzfiguren

Michael Maertens hat das Quengel-Abo auf deutschsprachigen Bühnen: ihn kann man sich nur zu gut als Molières Menschenfeind denken! Schauspielhauschefin Barbara Frey tat‘s und stellte den Hamburger aus Wien in Zürich als Alceste auf die Bühne, gestrandet in einer Welt der Lachnummern.

Die Darsteller sitzen auf dem Sofa und heben für das staubsaugende Zimmermädchen die Beine.

Bildlegende: Alceste (Michael Maertens) lässt sich von Célimène (Yvonne Jansen) unfreiwillig korumpieren. Matthias Horn

Der Menschenfeind ist Alceste: ein Misanthrop aus Aufrichtigkeit, er legt sich mit allen an, geht keine Kompromisse ein, ist schonungslos. Zum Beispiel wenn er mit Philinte spricht, seinem besten Freund, und ihm gleich klar macht, dass er überhaupt gar keine Freunde hat.

Umgeben von falschen Tönen

Barbara Frey zeigt in ihrer Molière-Inszenierung einen scharfen Gegensatz. Auf der einen Seite Alceste, der Menschenfeind, die Humorlosigkeit in Person - um ihn herum die Welt als einzige Lachnummer. Hier klingt alles falsch, hier gibt es lauter Witzfiguren.

Die Tölpel Acaste und Clitandre (Siggi Schwientek, Christian Baumbach), der Diener Basque (Samuel Braun), der sich beim Abgehen jedes Mal den Kopf anschlägt, als käme er direkt aus einem britischen Schwank, die Dame Arsinoé, der Gottfried Breitfuss im Chanel-Kostüm die ganze Üppigkeit einer heuchlerischen Hexe mitgibt. Und allen voran Matthias Bundschuhs Oronte, der sein Leben mit Hasenlächeln aufsagt wie Kinderverse, jede einzelne Hebung betont.

Masslos im Weltekel

Sie kommen zusammen in einer etwas abgebrauchten Brasserie (auf der Bühne von Bettina Meyer), eine Welt, die ihr goldenes Zeitalter jedenfalls hinter sich hat; hier hält Célimène Hof, die sehr junge Witwe, sie sonnt sich im Kreis ihrer Verehrer und der eigenen Unverbindlichkeit (Yvon Jansen).

Michael Maertens sitzt auf einem Stuhl und weint.

Bildlegende: Alceste hat es schwer. Matthias Horn

Für den Schauspieler Michael Maertens, der so etwas wie das Quengel-Abo auf den deutschen Bühnen hat, ist Molières Menschenfeind ein gefundenes Fressen. Sein Alceste ist ein gewaltiges Skandalon in dieser Welt, überhitzt in allen Belangen, seine Kompromisslosigkeit ist rasend, nicht bloss wahnhaft alimentiert, sondern durchaus auch von einer beträchtlichen Eitelkeit.

Er ist so masslos im Weltekel wie in der Liebe, nie brüllt er so verletzt, wie wenn er über Orontes sentimentale Gedichtverse schimpft, nie ist er so verzückt, wie wenn er ganz innerlich «du meine Célimène» haucht. Maertens' Alceste ist ein Künstler; sein Plädoyer für Wahrhaftigkeit auch ein ästhetisches.

Witzig und boshaft

Dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann, zeigt Barbara Frey in dieser Inszenierung so witzig wie boshaft und lässt das letzte Wort der Kunst: der Musik, leichthin verwehenden Klavierklängen.