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Bühne «Die Leiden des jungen Werther» sind zeitlos tragisch

Liebe ist radikal. Liebe ist total. Liebe endet manchmal tödlich. In Goethes «Die Leiden des jungen Werther» wird das tragische Ende des Helden rekonstruiert. Und zwar rückwärts.

Auf dem Bild von Wilhelm Amberg aus dem Jahr 1870 liest eine junge Frau ihren Freundinnen aus Goethes «Werther» vor.
Legende: Die Leiden von Werther sind zeitlos - wie die Liebe auch (Bild: Wilhelm Amberg: Vorlesung aus Goethes «Werther», 1870). Wikimedia

In der Liebe gibt es keine Grautöne. Entweder ist sie pures Glück oder pures Leiden. Entsprechend sieht es auf der Bühne aus, die in strengem Schwarz gehalten ist. Regisseur Thom Luz verbannt die Handlung konsequent auf die Vorderbühne, wo drei Schauspielerinnen (Cathrin Störmer, Vera von Gunten, Joanna Kapsch) in hochgeschlossenen Einteilern auf und ab schreiten.

Sie klimpern auf dem Harmonium, blättern in Textbüchern, bringen die Glasharfe zum Klingen. Gemeinsam rekapitulieren sie so den Tod von Werther, der sich an Heiligabend 1772 aus unglücklicher Liebe zu Lotte eine Kugel in den Kopf schoss.

Todesursache: Lotte und eine Kugel

Auf verschiedenen Tonspuren werden die tragischen Umstände zu Werthers Selbstmord miteinander verzahnt.

Was ins Mikrofon gesprochen wird, kommt rückwärts aus dem Lautsprecher zurück. Werthers Liebesqualen werden im Tonfall der Verwunderung intoniert. Stets geht es um die Frage, inwiefern die Erzählung ein Ereignis erst zu einem solchen macht.

Die musikalische Rekapitulation erstreckt sich von der Todesnacht achtzehn Monate zurück bis zu dem Maitag, als Werther Lotte zum ersten Mal sah.

Verpulverte Leidenschaft

Der nachtschwarze Bühnenraum gehört ganz dem Skandal des Todes. Dem Moment, wo die die Kugel aus der dem Lauf der Pistole tritt. Aus riesigen Plastiktüten entweicht luftleichtes Pulver in den Zuschauersaal. Es wirbeln und kringeln sich weisse Wolkenschwaden und ziehen langsam über die Köpfe der Zuschauer hinweg.

Regisseur Thom Luz kreiert eine magische Atmosphäre, die zwischen Gram und Übermut oszilliert. Die Bühne ist wie ein Spiegel zu Werthers Seele, der universal liebenden Seele, die den andauernden Gefühlsschwankungen erliegt. Der Wirkungskraft ihrer Schlichtheit scheint die Inszenierung jedoch nicht überall zu vertrauen und flüchtet sich in Aktionismus, wo keiner notwendig wäre. Die emotionalen Verwerfungen, welche mit rasender Verliebtheit einhergehen, haben sich 240 Jahre nach Werther nicht verändert.

Es gibt nur Schwarz und Weiss, und von Dauer ist nie die Liebe sondern einzig ihre Überlieferung.