Die Welt geht unter und keinem tut es weh

Mit dem Schauspiel «Top Dogs» über entlassene Manager ist Urs Widmer 1996 ein viel beachtetes Erfolgsstück gelungen. In seinem neuen Stück, «Das Ende vom Geld», widmet sich der Schweizer Autor wieder einem aktuellen Wirtschaftsthema. Leider geht bei ihm die Krise etwas schmerzlos über die Bühne.

Szene aus «Das Ende vom Geld»: Frau steht mit erhobenem Sektglas in der Hotel-Lobby.

Bildlegende: Szene aus «Das Ende vom Geld»: WEF-Teilnehmer sonnen sich im eigenen Hochmut. Theater St. Gallen

Es schneit ausgiebig an diesem Theaterabend und die Kunstschneekanone ist pausenlos im Einsatz. Doch zum Schluss wird es auf der Bühne so höllisch heiss, dass sich die Spielerinnen und Spieler bis auf Slip, Boxershorts und Büstenhalter entkleiden müssen. «Das Ende vom Geld» ist ein Stück der Extreme und beginnt als unterhaltsamer Klamauk.

Illustre Gestalten aus Finanz-und Politfilz

In einem Davoser Hotel, ganz alpine Alpenidylle mit verschneitem Bergpanorama, trinken eine Handvoll WEF-Teilnehmer ihre letzten Gläser Champagner zum Abschied aus. Da ist Hans, der Schweizer Vorzeigebanker und Haifisch, der eine grosse Klappe, mehrere Milliarden und alle Fäden in der Hand hat.

Er hat in Küsnacht eine Ehefrau und in Davos seine Geliebte dabei, die fliessend Chinesisch spricht und sich mit der Rolle der Wartenden arrangiert hat. Ausserdem sitzen sieben weitere illustre Gestalten aus dem Finanz-und Politfilz, vom Bundesrat über den Hochschulprofessor bis zum Bischof, in der schicken Lobby und sonnen sich im eigenen Hochmut.

Absehbare Handlung

Da bricht auf einmal das Funknetz zusammen. Die eben noch nette Gesellschaft verwandelt sich in kürzester Zeit in eine gewaltbereite Meute, eine sich selbst zerstörende Schicksalsgemeinschaft. Urs Widmers Stück touchiert kurz das Gesellschaftsdrama, wenn die Figuren zuerst mit ihrem eigenen Leben und danach mit dem der anderen abzurechnen beginnen. Danach läuft der Abend im gestreckten Galopp auf eine finale und bis zur Unerträglichkeit dargestellte Apokalypse zu. Die WEF-Teilnehmer mutieren zu Bestien, fallen übereinander her, fressen einander um ein Haar auf und lassen alle Hemmungen fahren.

Klischiertes Verhalten

Es klingt banal und ist doch wahr. Geld stinkt. Man kann es nicht essen. Und der Mensch ist dem Mensch ein Wolf. Die Allgemeinplätze werden in der 100minütigen Inszenierung von Tim Kramer schnell und plakativ abgefackelt. Die Handlung ist von Anfang an absehbar, und die Figuren, etwa die NGO-Delegierte in ihren karierten Flanellhosen, verhalten sich allesamt maximal klischiert. Einzig der Koch, der mit einem Huf am Fuss und blutunterlaufenen Augen aus der Hotelküche auftaucht, hat plastische Konturen und erinnert in seiner Selbstreflexion an einen Menschen, mit dem man sich identifizieren kann. Auch wenn die Paranoia des Weltuntergangs in seinem Kopf zu sein scheint. 

Abrechnung macht vor niemandem Halt

Wo auch immer das Böse herkommt und auf welche Hölle diese Welt mit ihren Wirtschafts- und anderen Krisen zusteuert, im Theater St. Gallen macht die Abrechnung vor niemandem Halt. Es kommt ausnahmslos jeder an die Kasse. Das wird geprügelt und gebrüllt, gehasst und geliebt und doch bleibt alles folgenlos.

Dass das Sterben die grösste Krise der menschlichen Existenz darstellt, dass die Angst vor dem Tod den allerletzten Skandal der Zivilisation beschreibt, das ist als Erkenntnis weder besonders neu noch erschütternd. Am Ende des Theaterabends fliegen die Protagonisten in Unterwäsche und nunmehr mit Schafsköpfen bestückt, in den Theaterhimmel. Wir sind noch einmal davon gekommen. Wenn die Krisen auch im Leben ausserhalb des Theaters so bildhaft und so schmerzlos über die Bühne gingen, wäre das eine Schlagzeile wert.