Ein Preis für alle: Das Patentrezept gegen leere Theatersäle?

Seit Herbst 2012 Spielzeit bezahlt jeder Zuschauer im Zürcher Theater Gessnerallee 16 Franken Eintritt. Das «Alle zahlen dasselbe»-Konzept geht auf, die Auslastung des Hauses ist besser als vorher. Nun machen sich auch andere Kulturinstitutionen Gedanken über Einheitspreise und ihre Folgen.

In einem Kinosaal sind die Stuhlreihen leer.

Bildlegende: Die Hoffnung: Niedrigere Eintrittspreise werden das Publikum in die leeren (Theater-) Säle zurückbringen. Keystone

Seit Herbst 2012 Spielzeit bezahlt ausnahmslos jeder Zuschauer in der Gessnerallee 16 Franken Eintritt. Das ist weniger als ein Kinoticket und besonders für jene Publikumsschichten attraktiv, die sich mit dem zeitgenössischen Tanz und Theater zum ersten Mal anfreunden, also vor allem junge Zuschauerinnen und Zuschauer.

Diesen Einheitspreis hat Roger Merguin, seit September Leiter der Gessnerallee, aus solidarisch-demokratischen Gründen eingeführt: Alle zahlen dasselbe, egal ob es eine kleine Off-Produktion ist oder ein internationales Highlight, egal ob man in der ersten oder letzten Reihe sitzt.

«Kino-Verhalten» beim Theaterpublikum wecken

Es werden keine Freikarten mehr verteilt und es gibt keine Preiskategorien. Gemessen an der durchschnittlichen Theaterkarte, die in Zürich zwischen 35 und 50 Franken kostet, ist der neue Einheitspreis eine Sensation. Roger Merguin schwebt eine Art «Kino-Verhalten» seines Zielpublikums vor. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sollen öfter ins Theater kommen und bei Enttäuschungen nicht gleich das Handtuch werfen.

Das Konzept, das die Gessnerallee auf die erste Spielzeit beschränkt und mit einer gewissen Zurückhaltung lanciert hat, kommt beim Publikum gut an. Der Einheitspreis sorgt seit seiner Einführung für Schlagzeilen und hat mit einer Auslastung von rund 85 Prozent sein Potenzial bereits bewiesen. Ausserdem hat der Vorstoss auch an anderen Häusern, etwa am Theater Neumarkt, ein Nachdenken über mögliche Preisanpassungen bewirkt.

Publikumsverhalten erforschen

Ähnliche Überlegungen über Eintrittspreise macht man sich am Stapferhaus Lenzburg. In der aktuellen Ausstellung zum Thema «Entscheiden» gibt es demnächst an ausgewählten Tagen die Möglichkeit, den Eintrittspreis selbst zu bestimmen. In den kommenden Wochen wird ein breit angelegtes Experiment zum Verhältnis von Publikum und Eintrittspreisen durchgeführt: Vom Thurgauer Wirtschaftsinstitut an der Universität Konstanz initiiert, soll beispielsweise ermittelt werden, wie lange sich der Museumsbesucher durchschnittlich in der Ausstellung aufhält, wie er das Kulturereignis bewertet und wie tief er dafür in die Tasche zu greifen bereit ist.

Das Stapferhaus richtet sich mit seinen Ausstellungen generell an ein breites Publikum und möchte mit den Erhebungen auch herausfinden, welches Publikum sich durch welche Themen besonders angesprochen fühlt. Man will mit den Eintrittspreisen niemanden ausschliessen, doch wäre es interessant zu erfahren, ob noch mehr Publikum ins Stapferhaus strömen würde, wenn der Eintritt frei wäre.

Die unterschiedlichen Beispiele machen klar: Es braucht Publikum. Denn die Eintritte sind vitaler Bestandteil der Budgets von Kulturinstitutionen. Es ist nicht zu erwarten, dass die Preise ins Bodenlose purzeln werden, und doch machen die Versuche klar, dass sich die Bemühungen ums Publikum lohnen.

Im Fall der Gessnerallee in Zürich schlägt die Einführung des Einheitspreises mit einer durchschnittlichen Auslastung von 85 Prozent bereits positiv zu Buche und ein neues Publikumssegment ist auf das Theater- und Tanzangebot neugierig geworden.

Gratis ins Museum

Seit Anfang des Jahres experimentiert auch das Museum Rietberg in Zürich mit ihrer Preispolitik. Bis Ende 2013 zahlen die Besucher für die Sammlung keinen Eintritt. Für die Sonderausstellung beträgt der Eintrittspreis 16 (ermässigt 12) Franken: rietberg.ch