Eine Kunst für sich: Übertitel im Theater

Was im Kino Untertitel, sind im Theater Übertitel: Sie sorgen dafür, dass das Publikum fremdsprachige Produktionen versteht. Gute Übersetzungen zu machen ist aber nicht einfach, denn die kulturellen Verständnisschwierigkeiten liegen oft gar nicht nur in der Sprache begründet.

Blick auf eine Bühne, auf dem hinter einer Scheibe ein Radiostudio sichtbar ist. Oberhalb der Bühne wird die Übersetzung in weisser Schrift auf schwarzem Grund angezeigt.

Bildlegende: Mehrsprachige Rekonstruktion des Völkermords in Ruanda 1994: Szenebild aus «Hate Radio» von Milo Rau. Daniel Seiffert

«Das Wichtigste ist, dass die Art der Übersetzung zur Inszenierung passt», sagt Yvonne Griesel. Sie ist seit vielen Jahren im Geschäft und eine der treibenden Kräfte, wenn es um professionelle Theaterübersetzung geht. Als ausgebildete Dolmetscherin und Dramenübersetzerin bietet sie mit ihrer Übersetzungsfirma «Sprachspiel» in Berlin Kreuzberg verschiedene Formen und Formate an, begleitet internationale Gruppen und grosse Theaterhäuser bei ihren Tourneen.

Zwischen Kunst und Vermittlung

«Viele denken immer noch, dass Übertitel im Theater computergesteuert sind und reagieren dann ganz erstaunt, wenn ich nach der Vorstellung aus der Technikkabine herauskomme», erzählt Yvonne Griesel. Im Unterschied zum Kino ist jeder Theaterabend anders, weil er jeden Abend live stattfindet.

Das ist auch eine Herausforderung für Yvonne Griesel: «Wenn die Übertitel zu umfangreich sind oder ihr Rhythmus nicht mit dem Spiel auf der Bühne zusammenspielt, merkt das Publikum, dass etwas nicht stimmt und wird unruhig.»

Zwei Frauen stehen auf einer Bühne. An die Wand und auf sie selber sind diverse Sätze in weissen Buchstaben projiziert.

Bildlegende: Worte als ästhetisches Element: Theaterstudierende projizieren an der Uni Hildesheim ganze Schriftbilder auf die Bühne. Isa Lange/Uni Hildesheim

Je unauffälliger, je besser

Störend ist ausserdem, wenn es Schreibfehler hat. Oder wenn die Übertitel so ungünstig angebracht sind, dass das Publikum ständig den Kopf drehen muss und zu wenig Zeit hat, neben dem Lesen der Übertitel dem Geschehen auf der Bühne zu folgen.

Eigentlich seien Übertitel dann perfekt, lacht Yvonne Griesel, wenn sie nicht auffallen. Wenn sie dem Publikum in einer unaufdringlichen Art helfen, ein fremdsprachiges Theater zu verstehen. Eine undankbare Aufgabe, könnte man denken. Andererseits ist das Thema im Zug der Internationalisierung der Theaterlandschaft in den letzten Jahren immer wichtiger geworden.

Sprache oder Kultur übersetzen?

Heute sind Übertitel im internationalen Theater Standard. Gleichzeitig sind die Spielformen des Übersetzens für die Bühne vielseitig geworden. Manchmal sei es hilfreich, die Übertitel direkt ins Bühnenbild hineinzuprojizieren. Bei einer anderen Inszenierung könne es passend sein, einen Dolmetscher live auf der Bühne mitspielen zu lassen. Yvonne Griesel ist davon überzeugt: Je selbstverständlicher fremdsprachiges Theater wird, umso raffinierter werden auch die Strategien der Übertitelung.

Als ausgewiesene Expertin weiss Yvonne Griesel natürlich auch um die Grenzen ihrer Arbeit: «Die Übertitelung ist nur ein Medium unter vielen im Theater. Die kulturellen Verständnisschwierigkeiten aber liegen oft gar nicht in der Sprache begründet. Diese zu vermitteln, ist eine noch viel grössere Herausforderung.»

Buchhinweis

Yvonne Griesel: «Welttheater verstehen. Übertitelung, Übersetzen, Dolmetschen und neue Wege», Alexander Verlag Berlin 2014.

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