Einsiedler Welttheater bringt Gentechnik auf die Bühne

Auf dem Platz vor dem Benediktinerkloster werden wieder grosse Fragen gestellt: Unter der Leitung von Tim Krohn und Beat Fäh geht es beim Einsiedler Welttheater 2013 um die Hoffnungen und Grenzen der Gentechnologie. Ein zeitgemässes Thema vor monumentaler Kulisse.

«Ich bin immun gegen Fusspilz, das ist auch nicht zu verachten» oder «Ich wär au liäbr riich und gsund als arm und chrank» oder kurz und knackig: «Heilandsack». Mit diesen Zitaten wirbt das diesjährige Einsiedler Welttheater. Und hat damit schon die ersten Kritiker auf den Plan gerufen, denn Flüche hätten auf dem barocken Klosterplatz nichts zu suchen.

Zwischen Tradition und Aufbruch: Ein Dorf spielt Theater

Solche Kritik gehört zum Einsiedler Welttheater. So war die letzte Ausgabe vor sechs Jahren vielen zu trostlos. Und schon 1970 demonstrierten Kritiker vor dem Kloster, dass das dargestellte Weltbild des «Grossen Welttheaters» mit der Jetztzeit nichts mehr zu tun habe.

Die Spuren religiöser Spiele gehen in Einsiedeln bis ins 12. Jahrhundert zurück – und seit 1924 wird alle paar Jahre «El Grand teatro del Mundo» des Barockdichters Calderon aufgeführt. Darin wird das menschliche Leben als Theaterspiel dargestellt. Gott ist der Autor, die Welt die Regisseurin – und wer schlecht spielt, kommt am Schluss in die Hölle. Bis vor fünfzehn Jahren wurde dabei jeweils auf die deutsche Übersetzung von Josef von Eichendorff aus dem 18. Jahrhundert zurückgegriffen.

Zeitgemässer Aufschwung

Erst 2000 kam es zum Bruch mit der Tradition. Man wollte das Welttheater wieder zeitgemäss machen, ihm neuen Schwung geben. Der Autor Thomas Hürlimann und der Regisseur Volker Hesse schafften dies mit ihren Versionen des Welttheaters in den Jahren 2000 und 2007. Die Vorstellungen wurden künstlerisch wie wirtschaftlich zu einem grossen Erfolg.

Auf diesen Aufbruch kann dieses Jahr das künstlerische Team um den Autor Tim Krohn und den Regisseur Beat Fäh aufbauen – auch wenn sie damit kein einfaches Erbe antreten.

Barometer für Gegenwartsfragen

Portrait des Autors Tim Krohn.

Bildlegende: Der Schriftsteller Tim Krohn wurde in Deutschland geboren und lebt jetzt in der Schweiz. Keystone

Tim Krohn verlegt das Spiel um das Wesen des Menschlichen in eine nähere Zukunft: Ärzte treten auf und propagieren den perfekten Menschen. «Die Vorstellung, dass die Menschen mit Hilfe der Gentechnologie die Schöpfung verbessern können und die Medizin uns das Heil auf ewiges Leben schenken kann, bzw. den perfekten Menschen schaffen kann, hat uns als Ausgangslage interessiert», erklärt der Autor. Denn damit übernehme die Wissenschaft die klassischen Versprechungen der Kirche.

Es scheint, als würden auch dieses Jahr in Einsiedeln wieder die grossen Fragen gestellt – und das Einsiedler Welttheater damit zu einem Barometer für Gegenwartsfragen.

Geschichten und Erinnerungen spielen mit

Der Regisseur Beat Fäh kennt Einsiedeln seit seiner Kindheit. Er hat dort die Klosterschule besucht. «Das war nicht immer ganz einfach, aber es war auch eine Schule des Lebens für mich: Wer erlebt schon, dass er bis dreizehn als Einzelkind aufwächst, und dann plötzlich 300 Brüder hat ...»

Erinnerungen bringen auch die Spieler mit. Denn hier spielen ganze Familien mit und die meisten sind nicht zum ersten Mal dabei. «Man merkt an der Qualität der Fragen bei den Proben, dass viele zurückgreifen können auf Erfahrungen, die bis in die Kindheit zurückweisen, als sie zu den Kerzenträgern in der vierten Reihe gehört haben.» erzählt Beat Fäh und betont, dass man auf diese Tradition aufbauen könne, um zusammen einen Schritt weiter zu gehen. Teamarbeit ist in seiner Arbeit denn auch ein Schlüsselbegriff.

Das Grosse und das Kleine muss zusammenkommen

Der Tänzer und Choreograph Jo Siska ist schon zum dritten Mal beim Einsiedler Welttheater dabei. Es sei für ihn ein Ort, an dem sich besonders gut beobachten lasse, in welche Richtung sich die Welt und die Menschen in der Zwischenzeit entwickelt haben. «Einige, die 2000 oder 2007 noch dabei waren, leben nicht mehr. Da wird man sich der Flüchtigkeit des Lebens schon bewusst», so Siska.

Das wichtigste in seiner Arbeit sei «Dynamik und Timing». Die müssten perfekt sein, erklärt Choreograph Siska. In den letzten Tagen vor der Premiere heisst das vor allem Detailarbeit, Knochenarbeit – damit ab dem 21. Juni bis Anfang September die Einsiedler und Einsiedlerinnen auf dem Klosterplatz bestehen können.

Denn das ist alles andere als selbstverständlich: In Einsiedeln wird nach dem Petersplatz in Rom auf dem zweitgrössten Kirchplatz der Welt gespielt und trotz der langen Tradition und dem grossen Engagement der Laienspieler und –musikerinnen, gibt es da keine Garantie für den Erfolg. Womit wir wieder beim Thema des Welttheaters angelangt wären.

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