Elfriede Jelineks «Über Tiere»: Frischfleisch auf dem Sexmarkt

«Über Tiere»: Der Titel ist irreführend – Elfriede Jelineks Theatertext geht auf Abhörprotokolle eines Callgirl-Rings zurück. Fürs Schauspielhaus hat die Nobelpreisträgerin einen schweizspezifischen Zusatztext verfasst. Am Samstag kam er im Schiffbau zur Uraufführung: Der Besuch lohnt sich.

Man darf sich vom niedlichen Titel nicht irreführen lassen: Die Tiere, um die es hier geht, sind weibliche Häschen und Pferdchen, Frischfleisch auf dem Sexmarkt, die Bestien ihre Zuhälter und Mädchenhändler. Freilich greift Elfriede Jelinek die Tiermetaphorik aus dem Material selber; wie es ja überhaupt eine ihrer Eigentümlichkeiten ist, die Stoffe aufzugreifen und hellhörig zu zerlegen, sie sprachlich so zu sich zu führen, dass die gesellschaftlichen Zustände sich von selbst entblössen.

Der Theatertext «Über Tiere» geht auf die Abhörprotokolle eines Callgirl-Rings zurück. Geschäftsmässig wird hier verhandelt. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Die Kundenwünsche sind präzis. Warenwerte werden bestimmt und im Detail ausgehandelt, Sonderleistungen gibt’s gegen Aufpreis.

Das Wesen der wahren Liebe

Dem zynischen Liebeswarenhandel schickt Jelinek einen ersten Teil voraus, der das Wesen der wahren Liebe zu verhandeln sucht. Eine Frau spricht zu ihrem jüngeren Liebhaber, «mein sonderbarer Herr», auch hier ein Ungleichgewicht des Angewiesenseins.

Dieser erste Teil ist der Monolog einer einsamen Zuwendung. Isabelle Menke spricht ihn mit einer lakonischen, hochgradig verletzten Dringlichkeit, die den Text in all seinen Tiefen ausleuchtet. Nur schon dieser ersten Dreiviertelstunde wegen lohnt sich der Besuch im Schiffbau.

Trashig und expressiv

Aus der Gegenüberstellung der Abhängigkeiten bezieht «Über Tiere» dann seine moralische Fallhöhe. Den polyphon-perversen zweiten Teil inszeniert Regisseurin Tina Lanik als Groteske, trashig und expressiv, ein Grand-Guignol der Widerwärtigkeit.

Sprach Isabelle Menke das Wort «lieben» gerade noch ganz zögerlich aus, geht’s hier knallhart ums «Ficken». Es ist der anschaulichste Teil des Abends, in seiner Konkretion auch der zugänglichste. Gerade in der Lächerlichkeit, der die Regisseurin sie hier preisgibt, zeigen die Zuhälter und Freier ihre ganze Erbärmlichkeit. Und der Trash hat auch was Entlastendes: als träte die Regisseurin einen Schritt zurück vor all der Jelinek'schen Moralisierwut. Die sich im dritten Teil noch einmal kräftig Bahn schlägt.

Die Bühne wird zum Drive-in

Denn dem raffinierten Doppelklang von Liebes-Monolog und Porno-Polyphonie hat Elfriede Jelinek für das Schauspielhaus einen Zusatztext angefügt: eine Stimme aus der Verrichtungsbox. Die Bühne wird zum Drive-in, ein tolles Bild. Tina Lanik zeigt den Zürcher Zusatz als Synthese der ersten beiden Teile. Auch formal, wenn die Schauspielerinnen nun gemeinsam auftreten und im Chor sprechen.

Die Anklage geht direkt ins Publikum. Die Inszenierung ist übers Ganze klug durchdacht und konzis umgesetzt: eine präzise Arbeit am Text. Wenn am Ende bei aller darstellerischen Schärfe dennoch eine Irritation zurückbleibt, liegt das am Text selber. Er schert so viel über einen moralisierenden Kamm, dass es an die Grenzen des Nachvollziehbaren geht. Am Ende sind die Abhängigkeiten in einer Liebesbeziehung wohl doch nicht ganz das Gleiche wie Menschenhandel.

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