Faber auf dem Förderband – mit fabelhaften Frauen

Walter Faber ist ein grosser Ingenieur. Er konstruiert Turbinen, er konstruiert sich und sein Leben – und auch die Erzählung darüber. Dann kommt ihm das Schicksal dazwischen. Im Zürcher Schauspielhaus steht Frischs Held auf der Bühne. Wer diesen Faber gesehen hat, will ihn nie mehr anders sehen.

Homo faber und Sabeth liegen. Sie liest in einem Buch.

Bildlegende: Der Ingenieur und seine inzestuöse Affäre: Homo faber (Matthias Neukirch) und Sabeth (Dagna Litzenberger Vinet). Toni Suter / T+T Fotografie

«Das kann doch kein Zufall sein.» Ohne die Notlandung der «Super-Constellation» in Amerika wäre alles anders gekommen, schlägt Max Frisch am Anfang seines Romans vor. Nun ist aber die «Super-Constellation» nicht nur das modernste Flugzeug der damaligen Zeit, die Quintessenz der Technik, sondern sie trägt auch einen sehr sprechenden Namen.

Für Walter Faber, den Homo faber, den technikgläubigen Ingenieur seiner selbst, steht sie am Anfang einer Reise zurück in die Alte Welt und in die Super-Konstellation einer Schicksalstragödie von nachgerade griechischem Format.

Das Förderband als Spielfläche

Betriebsblind geht Walter Faber durch sein Leben und hinterlässt eine Spur der Zerstörung. Regisseur Bastian Kraft findet in Zürich ein überaus anschauliches Bild dafür: Faber agiert auf einem Förderband, das frontal auf die Zuschauer zuläuft und über das sein Rechenschaftsbericht in maschinengeschriebener Echtzeit rotiert.

Darüber hängt ein gewaltiger Spiegel. Das Laufband ist die eigentliche Spielfläche. Faber, die Figuren, mit denen er zu tun hat, stehen darauf, treten an Ort, verlieren sich im Text, wortwörtlich.

Lena Schwarz als Hanna.

Bildlegende: Gibt Fabers Geschichte ein Gegengewicht: Lena Schwarz als Hanna. Toni Suter / T+T Fotografie

Gegengewicht Geliebte

Das ist nicht nur sinnfällig, sondern als Bild auch berückend schön. Das Lebenslaufband dominiert die Bühne. Daneben steht ein Schlagzeug und am Bühnenrand ein Lesepult: Da sitzt wie eine Gerichtsschreiberin Hanna, Fabers einstige Geliebte und die Mutter jener Sabeth, mit der Faber eine inzestuöse Affäre eingeht auf der Reise von New York nach Paris und Griechenland – also aus dem gelobten Land der Ingeniosität und der technischen Beherrschbarkeit der Welt hinüber ins alte Europa, ins Ursprungsland unserer Seelenmythen und von Freuds Sprache des Unbewussten.

Kraft wertet die Figur der Hanna auf, indem er sie von Anfang an zum Gegengewicht von Fabers Erzählung macht. Sie ist seine Adressatin, in der Zwiesprache mit ihr entwickelt er seine Lebensbeichte, zu ihr will er zurückkehren – und Lena Schwarz gibt der Figur die tragischen Dimensionen einer griechischen Rächerin.

Der ausgestellte Walter Faber

Bastian Kraft hat mit seinem kleinen Ensemble im Schauspielhaus eine Inszenierung erarbeitet, die diesen Walter Faber ganz genau betrachtet. Bastian Kraft verzichtet auf vordergründige Aktualisierungen, er stellt Walter Faber vor. Er stellt ihn aus.

Er hat das Glück, dass ihm mit Matthias Neukirch ein Darsteller zur Verfügung steht, der dies in geradezu idealer Weise zu verkörpern versteht. Mit skeptischer Nachdenklichkeit, trocken, sachlich, dabei innerlich zerfressen. Von einem unbestimmten Hunger angetrieben. An keiner Stelle denunziert Neukirch die Figur oder verrät sie an die Lächerlichkeit.

Ein Faber für die Ewigkeit

In der Begegnung mit Sabeth entwickelt er ungelenken, genau betrachtet ziemlich scheuen Charme. Am Ende steht er vor sich selbst und weiss sich immer noch nicht zu erfühlen. Wer diesen Faber gesehen hat, mag ihn sich gar nicht mehr anders vorstellen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 03.10.2016, 16:50 Uhr.

Veranstaltungshinweis

«Homo Faber» wird bis zum 18. November 2016 im Schauspielhaus Zürich gespielt.