«Ich hielt ihn für unsterblich»: Hohler zum Tod von Hildebrandt

Er war der Inbegriff der politischen Satire in Deutschland: der Kabarett-Altmeister Dieter Hildebrandt. Jetzt schweigt eine wichtige Stimme im Dienst der Demokratie. Im Alter von 86 Jahren ist Dieter Hildebrandt in München an einem Krebsleiden gestorben.

Dieter Hildebrandt auf der Bühne in Olten.

Bildlegende: Eine Ikone des politischen Kabaretts: Dieter Hildebrandt. Keystone

«Ich kämpfe bis zum Schluss.» Noch in ihrer Mittwochsausgabe hatte die Münchner Zeitung «tz» den schwer erkrankten Kabarettisten Dieter Hildebrandt mit diesem Satz zitiert. Doch dann ging alles schnell. Als die Zeitungen morgens am Kiosk auslagen, war Hildebrandt bereits tot.

«Dieter Hildebrandt ist heute Nacht im Kreis seiner Familie gestorben», teilte die Kabarett-Gruppe Münchner Lach- und Schiessgesellschaft mit, in der Hildebrandt einer der Mitbegründer war: «Bis zum Schluss hatte er Pläne, hatte gekämpft. Er hätte uns noch so viel zu sagen gehabt. Wir trauern mit seiner Familie um einen wunderbaren Menschen, lieben Freund, Förderer und eine moralische Instanz.»

«Irgendwie hielt ich Hildebrandt für unsterblich», sagt der Schweizer Kabarettist Franz Hohler im Interview mit SRF. Hohler gedenkt seinem deutschen Kollegen mit grossen Worten: «Im deutschen Kabarett war Dieter Hildebrandt neben einer Grösse wie Werner Finck, der vor allem während der Nazizeit eine wichtige Rolle spielte, einer der Grossen. Er hatte die Fähigkeit, Politik in Pointen zu verwandeln und aus Pathos etwas Lächerliches zu machen».

In der Schweiz sei ihm Dieter Hildebrandt immer wieder als Vorbild vorgehalten worden: «Ich wurde gefragt, warum es hier keine Sendung wie Hildebrandts ‹Scheibenwischer› gäbe und keinen Kabarettisten, der wie Hildebrandt derart auf den Mann spiele. Das konnte aber eben nur er, und das wollte auch nur er auf diese Weise.»

Hildebrandts scharfen Verstand für Politik hätte man sich in Deutschland auch in der Politik gewünscht. Immer mal wieder wurde er für politische Ämter angefragt, lehnte diese aber jedes Mal ab. Er sei auf der Seite des Bürgers gewesen, so Franz Hohler, aber nicht auf der des Spiessbürgers: «Er war immer bei den Kommentierenden und nicht bei den Handelnden.»

Hildebrandt hat Satire-Geschichte geschrieben

Mit seiner Münchner Lach- und Schiessgesellschaft und der Fernsehsendung «Scheibenwischer» hat er Geschichte geschrieben. Noch bis vor kurzem steckte Hildebrandt voller Tatendrang. Fast jeden Tag stand er auf der Bühne. Seine Empörung und sein Spott haben in Deutschland so grosses Gewicht, dass zwei Generationen mit dem Satz aufgewachsen sind: «Wenn es so Leute wie den Dieter Hildebrandt nicht gäbe, wäre alles noch viel schlimmer!»

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Dieter Hildebrandt

12 min, aus Giacobbo / Müller vom 6.11.2011

Doch die Krankheit bremste ihn aus. Die Diagnose Prostatakrebs hatte er nach Informationen der Münchner Zeitung «tz» erst im Sommer bekommen. Alle Auftritte sagte er daraufhin ab.

Von Schlesien nach München

Hildebrandt wurde im schlesischen Bunzlau geboren und begann nach dem Zweiten Weltkrieg ein Studium in München, wo er seither lebte. Er entdeckte zunächst die Liebe zur Schauspielerei, doch bei der sogenannten Schauspielergenossenschaftsprüfung fiel er durch. Zusammen mit Sammy Drechsel gründete er nach seinen Intermezzi als Platzanweiser und als Mitglied in einem Studentenkabarett 1956 die Münchner Lach- und Schiessgesellschaft: Noch heute steht der
Schwabinger «Laden» für scharfzüngiges Kabarett.

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