John Cleese: «Humor kann extreme Angst auslösen»

Vor kurzem gaben Monty Python ihren definitv letzten Auftritt. Ein Abschied ohne Trauer oder Bedauern, erzählt John Cleese. Der Python-Mitbegründer blickt auf 50 Jahre auf der Bühne zurück. Seine Erkenntnis über sein Fach: Satire mag nicht die Welt verändern, aber sie hat Macht.

Schablonen Graffiti auf einer grauen Hauswand.

Bildlegende: Huch! John Cleese als Graffito an einer Hauswand in Lissabon. Flickr/Adam Jones

John Cleese, mit Monty Python hatten Sie eine «wunderbar kreative Zeit»,wie Sie selbst sagen. Warum haben Sie die Truppe nach den ersten drei Staffeln verlassen?

Aus zwei Gründen: Erstens wurde Graham Chapman, mit dem ich jahrelang Sketche geschrieben hatte, Alkoholiker. Hinzu kam, dass sich Monty Python wiederholte. Damals war ich ein echter Purist. Ich fand, es reicht nicht, eine Sache nur darum weiterzumachen, weil sie funktioniert. Man muss immer wieder Neuland betreten. Ich hatte das Gefühl, dass wir das nicht mehr taten.

Sie machen jetzt seit über 50 Jahren Satire. Kann Satire die Welt verändern?

Ein Witz besagt, dass das grosse Berliner Kabarett der 1930er-Jahre enorm viel dazu beigetragen habe, Hitlers Aufstieg zu verhindern (er lacht). Aber meine Antwort ist Nein. Nicht wirklich. Denn Leute wie Stalin, Mao, Idi Amin oder Hitler interessierten sich nicht so sehr für den Humor.

Trotzdem glaube ich, dass man solche Leute am effektivsten bekämpfen kann, wenn man sich über sie lustig macht. Mit Kritik können sie umgehen, oder wissen sich zumindest dagegen zu wehren. Aber wenn die Leute anfangen, sich über sie lustig zu machen, sind sie geliefert.

Vor 15 Jahren las ich von ein paar Taliban, die von einer Gruppe von Jugendlichen ausgelacht wurden. Die Taliban erschossen sie! Ich weiss noch, wie ich damals dachte: Das ist die Macht des Humors. Er kann extreme Angst auslösen.

Aber dass Satire Dinge verändert – vielleicht manchmal. Manchmal macht man einen Witz, der eine Idee vermittelt, die der Gesellschaft was bringen könnte. Aber ich bin nicht sicher, ob das längerfristig etwas bewirkt.

Luisier sitzt mit einem Mikrofon in der Hand Cleese gegenüber.

Bildlegende: Literaturredaktor Michael Luisier beim Gespräch mit John Cleese SRF

Kann man Witze über Jesus machen? Ich denke da an die Komödie «Life of Brian», bei der am Ende etwa 20 Leute am Kreuz hängen und «Always Look on the Bright Side of Life» singen.

Ich denke nicht, dass man Witze über Jesus machen kann. Weil man nur Witze über Leute machen kann, deren Verhalten irgendwie unangebracht ist. Wenn sich jemand alles andere als unangebracht verhält – wie kann das lustig sein? Bei «Life of Brian» machten wir keine Witze über Jesus, sondern über die Art und Weise wie die Leute religiösen Führen folgen.

Würden Sie über Moslems Witze machen?

Ich wüsste nicht, was für Witze ich über Moslems machen sollte, weil ich nicht genug über den islamischen Glauben weiss. Was ich aber weiss, ist, dass es genug Leute gibt, die töten würden. Also wäre ich vorsichtig.

Zurück zu Monty Python. Waren die Python-Shows in der Londoner O2-Arena die letzten?

Ja. Als wir damit anfingen, beschlossen wir, dass es zehn Shows geben würde. Aber als es dann Spass machte und die Proben gut liefen, überlegten wir uns, ob es nicht doch ein paar mehr sein sollten. Aber Michael Palin sagte, er wolle das nicht, sein Terminkalender sei voll. Wir hatten immer die Regel: Wenn einer der Pythons nicht mithilft, dann tun wir es auch nicht.

Als die Show dann lief, hatten wir plötzlich alle das Gefühl, dass es besser sei, wenn das jetzt das Ende wäre. Es war, wie Eric Idle es nannte: «A Sweet Goodbye».

Als wir am letzten Abend auf der Bühne standen und «Always Look on the Bright Side of Life» sangen, war niemand traurig oder verspürte ein Bedauern. Wir alle dachten: Das ist ein sehr guter «Closure», wie die Amerikaner sagen, ein Abschluss; der richtige Zeitpunkt, die Sache zu beenden. Ich glaube nicht, dass einer von uns nochmals darauf zurückkommen wird.

Gibt es ein zweites Buch?

Ja, bestimmt. Aber nicht bevor ich mich wieder frisch fühle, um die Sache mit der gleichen Energie anpacken zu können wie beim ersten Mal.

Buchhinweis

John Cleese: «So, Anyway...», Penguin 2014

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