Kaspar Hauser im Puppenhaus

Die Geschichte von Kaspar Hauser beschäftigt Kunst und Wissenschaft seit mehr als 180 Jahren: Wer war der unzivilisierte Findling, der 1827 aus dem Nichts in Nürnberg auftauchte? In Zürich erzählt der lettische Theaterregisseur Alvis Hermanis die Geschichte als Zivilisationsmärchen ohne Happy End.

Es ist eine Geschichte voller Rätsel und offener Fragen: 1827 sei er wie aus dem Nichts aufgetaucht, ein ungelenker junger Mann ohne Sprache und Geschichte. Er wurde von der Nürnberger Gesellschaft aufgenommen, erzogen – und wieder fallengelassen. Nach fünf Jahren in der sogenannten Zivilisation starb Kaspar Hauser: ob an einem Attentat oder an selbst zugefügten Verletzungen ist bis heute ungeklärt.

In der Box im Schiffbau in Zürich wird der Schauspieler Jirka Zett, der den Kaspar Hauser spielt, am Anfang des Theaterabends von einem kleinwüchsigen Schauspieler (Roland Hofer) aus einem Sandkasten ausgebuddelt. Er kann kaum stehen, er stammelt nur – und wird denn auch von der Nürnberger Gesellschaft anfangs wie ein Exot begutachtet. Wer war Kaspar Hauser: ein entführter Erbprinz? Oder doch ein Betrüger?

«Ein interessanter Fall»

In Zürich kommt das Publikum aus dem Staunen nicht heraus. Denn alle anderen Schauspieler tragen schwarze Anzüge samt Kopfschutz, wie man es von Puppenspielern kennt. Und tatsächlich führen sie – wie Puppen – Kinder vor sich her. Kinder, die in historischen Kostümen stecken, deren Gesichter auf alt geschminkt sind, die keine Bewegung von sich aus machen, sondern nur ab und zu den Mund mitbewegen, wenn die Schauspieler ihren Figuren die Stimme geben.

Wie «Gulliver bei den Liliputanern» wirkt dieser Kaspar Hauser, wenn er mit dieser Bonsai-Gesellschaft in einem Puppenhaus mit Biedermeier-Interieur am Tisch sitzt. Jeder Blick, jede Szene macht klar: Er passt hier nicht rein. Er ist zu gross. Er eckt an. Man wird ihn nicht den herrschenden Massstäben anpassen können.

Unvereinbare Welten

Dabei lernt er am Anfang erstaunlich schnell und leicht, lässt sich Rechnen, Schreiben, Manieren und Philosophie beibringen. Doch die Fragen, die er aus diesem Wissen ableitet, sind zu grundsätzlich für diese Gesellschaft. Zudem taucht der Zwergwüchsige wieder in seinen Träumen auf und bringt neben Ängsten auch eine Ahnung an seine frühere Welt zurück.

Die 34 kleinen Geschichten (Textfassung Carola Dürr und Ensemble), in denen Alvis Hermanis Kaspar Hausers Geschichte von seinem Auftauchen bis zu seinem Tod Revue passieren lässt, leben von den starken ästhetischen Setzungen seiner Inszenierung.

Er schafft bleibende Bilder, die zwar manchmal am etwas arg Putzigen und allzu Eindeutigen nur knapp vorbeischrammen. Sie zeigen aber auch, dass die Geschichte von Kaspar Hauser grundsätzliche gesellschaftliche Fragen zu stellen vermag – und nicht zuletzt: immer noch anrührt.