Leben in der verbotenen Zone bei Tschernobyl

Sie entschieden sich als einzige, zu bleiben: Pétro und Nadia sind im ukrainischen Dorf Zvizdal geboren – und wollen dort auch sterben. Es liegt in der verstrahlten Zone bei Tschernobyl. Die Belgische Gruppe Berlin hat die beiden über fünf Jahre hinweg gefilmt und daraus eine Performance gemacht.

Bart Baele, Sie und Ihr Kollege Yves Degryse sind die Verantwortlichen der Gruppe Berlin. Was hat Sie dazu bewogen, eine Theaterperformance über Pétro und Nadia zu machen?

Bart Baele: Die Geschichte begann für uns, als die französische Journalistin Cathy Blisson uns 2011 erzählte, dass in der verbotenen Zone zwei Menschen völlig isoliert lebten. Der nächste Checkpoint ist 13 Kilometer von ihnen entfernt. Das hat uns interessiert.

Wir haben recherchiert, sind zu ihnen gefahren – so hat das Projekt begonnen. Pétro und Nadia heissen die beiden, sie waren damals bereits über 80 Jahre alt.

Wie haben sie auf den überraschenden Besuch belgischer Theatermacher reagiert?

Wir waren seit langem die ersten Fremden, die sie gesehen haben. Manchmal kommen Polizisten vorbei, die in der verbotenen Zone arbeiten – oder die Menschen des Checkpoints.

War es schwierig, das Ehepaar zum Mitmachen zu bewegen?

Im Grunde nicht. Wir arbeiten sehr langsam und konnten über Jahre hinweg ein Vertrauen aufbauen. Pétro hat uns gefragt, ob wir im Guten oder im Schlechten kämen. Da sagten wir, im Guten. Das hat ihn beruhigt.

Ausserdem besassen sie einen Fernseher, als die Elektrizität noch funktionierte. Sie wussten also, was Kino ist, dass wir mit den Filmaufnahmen ihr Leben dokumentieren wollten.

Wie muss man sich das Leben der beiden in der verbotenen Zone vorstellen?

Als sie sich gegen die Evakuierung entschieden, gab es noch alles: Elektrizität, Telefonverbindungen, Fernsehen. Heute gibt es nichts mehr. Auch das Mobiltelefon funktioniert in der Zone nicht. Sie sind Selbstversorger: Kartoffeln bauen sie an. Sie sammeln Pilze, trinken Wasser aus der Umgebung, Milch bekommen sie von ihrer Kuh.

Über fünf Jahre hinweg sind Sie mit einem kleinen Filmteam und einer Übersetzerin zu Petro und Nadja gereist. Wie konnten Sie denn, ohne Möglichkeit zu telefonieren oder Briefe zu schreiben, diese Treffen vereinbaren?

Gar nicht. Wir sind jeweils einfach hingereist, haben die beiden überrascht. Eine andere Möglichkeit gab's nicht. Manchmal mussten wir lange auf die beiden warten. Wir hatten vereinbart, nicht im Haus zu filmen, sondern nur draussen. Wenn die beiden am Tag gerade ein Nickerchen machten, warteten wir im Hof.

Einmal, im Winter, als wir uns sieben Stunden dorthin durchgekämpft hatten, sagten sie uns, es sei zu kalt, wir sollten im Frühling wieder kommen. Da sind wir halt wieder weg.

Warum haben Sie nur draussen gefilmt?

Nadia hatte es sich so gewünscht. Das war wegen ihres Glaubens – sie fürchtete den bösen Blick, das Haus war deswegen Tabu.

Auch bei Tieren war sie streng: Wir durften die Kuh zwar filmen, nicht jedoch, wenn sie gemolken wurde.

Haben Sie und Ihre Kollegen für diese Theaterproduktion eigentlich Ihr Leben riskiert, als Sie in die verstrahlte Zone eingereist sind?

Nein. Die Strahlung nimmt man vor allem mit den Lebensmitteln auf. Wenn man nichts von dort isst oder trinkt, passiert einem nichts. Wir haben immer unsere eigene Verpflegung mitgebracht.

Was interessiert Sie als Theaterschaffender an Pétro und Nadias Geschichte?

Im Grunde geht es um zwei Menschen, die sich gegen eine Evakuierung entschieden haben. Doch dann wurde ihre Geschichte über die Jahre hinweg offener und universeller: Von einer Erzählung über zwei Menschen, die in einer verseuchten Zone isoliert sind und älter werden, hin zu einer darüber, wie man seine Wahl trifft. Sollen sie bleiben oder weggehen? Was, wenn einer der beiden stirbt? Es geht darum, wie man sein Leben zu Ende lebt.

Theatergruppe «Berlin»

Theatergruppe «Berlin»

Bart Baele und Yves Degryse aus Belgien haben die Gruppe Berlin 2003 gegründet, gemeinsam mit Caroline Rochlitz. Sie haben zwei thematische Serien: In «Holocene» porträtieren sie verschiedene Städte und Orte auf der Welt, Hierhin gehört auch die Produktion «Zvizdal». In ihrer anderen Reihe, «Horror vacui», untersuchen sie die Angst vor der Leere.

«Berlin» am Theaterspektakel

Für «Zvizdal. Chernobyl – so far so close» hat die Gruppe Berlin über fünf Jahre ein Ehepaar gefilmt, das isoliert bei Tschernobyl lebt. Die Performance ist am Theaterspektakel Zürich vom 31. August bis 2. September zu sehen.

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