Mit 88 Jahren, da fängt das Hörspiel-Leben an

Es ist nie zu spät für eine Premiere: Die Sängerin und Kabarettistin Marie-Thérèse Escribano steht zwar schon seit einem halben Jahrhundert auf der Bühne. Ein Hörspiel hat sie aber noch nie aufgenommen. Dabei ist sie eigentlich wie geschaffen dafür.

Eine Frau und ein Mann sitzen auf einem Sofa. Sie halten beide theatralisch einen Arm in die Luft.

Bildlegende: Marie-Thérèse Escribano und Wolfram Berger proben für das Hörspiel «Glüht ein Stern in alter Haut». SRF/Oscar Alessio

Sie bilden ein zauberhaftes Paar: Wolfram Berger, der Hörspiel-Profi und die Sängerin Marie-Thérèse Escribano, die im zarten Alter von 88 Jahren bei Schweizer Radio SRF 1 ihr Hörspiel-Debüt gibt. Und was für eines. Sie spielt die gewesene Opernsängerin Victoria mit Verve, Grandezza und viel Humor.

Ihr Spielpartner, Wolfram Berger, steht ihr in dieser Hinsicht in nichts nach. Sein Charme und sein darstellerisches Feingefühl verleihen seiner Figur, dem melancholischen, alternden Musikwissenschaftler Dorian ein differenziertes Profil. In einer kalten Winternacht unternehmen die beiden auf den Flügeln ihrer Fantasie zusammen eine letzte Reise in ihre Vergangenheit.

Eine Rolle, die fast nicht zu besetzen war

Ein Hörspiel wie «Glüht ein Stern in alter Haut», in dem es um eine betagte Sängerin geht, bedingt eine Darstellerin, die tatsächlich etwas vom Singen versteht und die auch selber wirklich alt ist. Marie-Thérèse Escribano hat eine Stimme, der man das Alter auch glaubt, wobei sie nicht annährend so klingt wie ihr Jahrgang, 1926, es vermuten lassen würde. Marie-Thérèse Escribanos offener, wacher Blick, ihre ganze Ausstrahlung lässt sie auch erheblich jünger aussehen – auf die denkbar unverkrampfteste Weise.

Regisseurin Margreth Nonhoff hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben, für Holger Siemanns Hörspiel jemals eine geeignete Besetzung zu finden. Doch dann erzählte ihr Wolfram Berger von Marie-Thérèse Escribano. Nun stellte sich die Frage, ob eine Künstlerin mit 88 noch Lust auf ein vollkommen neues Feld hat – und auf eine Reise von Wien nach Zürich, sowie drei Tage Aufnahmen. Escribano hatte sogar grosse Lust.

Kabarettistin mit Mitte 50

Ein Blick auf die Biografie von Marie-Thérèse Escribano zeigt: Diese Frau nahm immer wieder neue Herausforderungen an. Nach einigen Jahren als klassische Sängerin auf der Bühne und Arbeiten mit Grössen wie Lorin Maazel, Paul Sacher oder Pierre Boulez wandte sie sich in den 60er-Jahren der Frauenbewegung zu und begann in diesem Umfeld politisches Theater zu realisieren.

1981 brachte Marie-Thérèse Escribano ihr erstes Solostück auf die Bühne, eine Mischung zwischen Konzert und Kabarett und per Du mit dem Publikum. Neun Stücke sind es inzwischen geworden. Eines davon spielt sie nicht nur auf Deutsch, sondern auch in ihrer Muttersprache Französisch. Thematisch kreist sie dabei immer wieder um Fragen des Frau-Seins und des Alt-Seins.

Gesangspädagogin aus Leidenschaft

Marie-Thérèse Escribano ist nicht nur Interpretin und Autorin, sondern auch Lehrerin. «Stimmbefreiung» nennt sie ihre Methode. Der Begriff wurde inzwischen von vielen übernommen, die sich von Stimmbildung distanzieren wollen. Nach Ansicht von Escribano erinnert «Stimmbildung» etwas zu sehr an Dressur.

Kein Wunder ist Marie-Thérèse Escribano als Lehrerin nach wie vor gefragt. Sie unterrichtet gern – wenn es sein muss, auch aus dem Stand. Wenn auf einmal eine wissbegierige Gruppe vor der Tür steht und sich Marie-Thérèse Escribano innert Kürze für einen Unterrichtstag bereitmachen muss, so stellt auch das für die 88-jährige kein wirkliches Problem dar.

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