Mit Sturm und Drang: June Stone slamt anders als alle anderen

Keine Reime, einfach Rhythmus: Die 18-jährige June Stone aus Sissach lässt die Form hinter sich und sich von der Sprache tragen – auf Englisch. 2014 gewann sie die Basler U20-Poetry-Slam-Meisterschaft. Jetzt begeistert sie auf der Eröffnungsgala der Thuner Künstlerbörse das Publikum.

Junge Frau an einem Mikrofon

Bildlegende: Selbstgespräche auf der Bühne: June Stone charakterisiert Menschen gern durch Dialoge. Pierre Lippuner

Die Thuner Künstlerbörse gilt als Tummelplatz für bekannte und noch unbekannte Kleinkünstler. Der Schweizer Kleinkunstpreis wird dort verliehen. Aber auch das Rahmenprogramm wartet mit Perlen auf: In der Preis- und Eröffnungsgala der Thuner Künstlerbörse taucht auch eine junge Frau auf, die weiss, wie es sich anfühlt, einen Preis zu gewinnen: Die 18-jährige June Stone aus Sissach.

Ein irisches Talent aus Sissach

Stone ist Gewinnerin der Basler U20-Poetry-Slam-Meisterschaft und Finalistin der Schweizer Meisterschaft 2014 (YouTube-Video). Aufgewachsen ist das Sprachtalent in Irland, wo sie in der Schule Gedichte und gälische Texte auswendig lernen musste. Diese Sprachen gehen ihr auch bis heute nicht mehr aus dem Kopf.

Zwar zog ihre Familie, als sie elf war, in die Schweiz und somit in den deutschen Sprachraum. Ihre Slams, mit denen sie höchste Publikumswertungen erzielt, bleiben dem Englischen jedoch treu.

Im Englischen fühlt sie sich freier

In der Musikalität des Englischen fühlt sich June Stone freier, und zuweilen wundert sie sich bei ihren gleichaltrigen Slam-Poetry-Kollegen über die allzu ähnlichen, immer selben Themen und diese merkwürdige Sehnsucht nach Struktur in Reimen. June Stone befreit sich davon, bricht aus der klassischen Reim- und Monologstruktur aus, führt auf der Bühne Selbstgespräche oder öffnet ganze Paletten von Figuren. Sie liebt es, Menschen über Dialoge zu charakterisieren.

Zwei Ziele hat sie: Sie möchte die Schweiz nach der Matura verlassen und sie möchte zum Film. Denkt man an Lara Stoll, die zurzeit ebenfalls Film studiert und im Schweizer Sportfernsehen mit dem höchst eigenwilligem Comedy-Format «Bild und Ton» aufrüttelt, so scheint es fast eine heimliche Verbindungslinie zwischen Film und Slam-Poetry zu geben.

Vorbilder von Goethe bis Tarantino

Als künstlerische Vorbilder nennt June Stone nicht nur Filmemacher wie Wes Anderson und Quentin Tarantino, sondern überraschenderweise auch Goethe, den Vorläufer der Sturm und Drang-Bewegung. Bildkraft und Sprachmacht, das sind ihre Pole. June Stone will dem Slam zwar weiterhin treu bleiben, aber ein erstes englisches Drehbuch, das sie soeben als Matura-Arbeit geschrieben hat, setzt hinter ihren Berufswunsch Drehbuchautorin ein leuchtendes Ausrufezeichen.

Die zentralen Themen ihrer Slam-Poetry-Texte sind unter anderem die Empörung darüber, dass alles irrelevant gewesen sein wird, dass nichts eine Rolle gespielt haben wird, sobald wir tot sind, und dass es kein Falsch und kein Richtig geben kann. Diese Empörung prägt auch ihr Filmdrehbuch «The Trial».

Ein Drehbuch wie ein guter Slam

Die Adoleszenzgeschichte einer multiplen Persönlichkeit, zerrissen zwischen Einbildung, Realität, Gut und Böse, ein Psychothriller, verflochten im ganz konkreten Schulalltag mit Mobbing und erster Liebe.

Dieser Drehbuch-Erstling beweist filmische Fantasie und zieht in Bann mit einer am Slam geschulten kraftvollen, auch lyrischen Sprache. Eines scheint angesichts dieser Talentprobe sicher: So viel Sturm und Drang in einer Schreiberseele muss sich weit über Sissach hinaus bemerkbar machen.